Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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In jedem Falle kann ein Gefäß ein vollkommenes Kunftwerk [ein, auch wenn es keine
tieferen Gefühle und Stimmungen ausfpricht und weckt. Von der Ärt der Perfönlidjkeit,
auf deren Ausdruck es hier wefentlid) ankommt, von künftlerifd)er Per[önlid)keit i[t
jedes gute GCIerk der japanifchen Cöpferkunft durchdrungen. Diefe japanifchen Künftler
hätten alle ihre Gefäße mit der Signatur bezeichnen können, die ein alter d)ine[if<her
Cöpfer auf [eine Arbeiten gefchrieben haben [oll: „Der Mann, der in der Va[e ji&t.“
Es ift in den lebten Jahren Mode geworden, die japanifche Kun[t für eine bloße
Nachahmerin der chinefifchen zu erklären, die nichts vermocht habe, als die erhabenen
Vorbilder ihrer Lehrerin in [d)wächeren und kleineren Formen zu reproduzieren. Schon
ein Vergleich der chinefifchen und der japanifchen Cöpferei zeigt, daß diefe Anfid)t
falfch ift. Die japanifche Keramik ift nichts weniger als eine Imitation der chinefifchen,
fondern fie fteßt ihr wefentlid) felbftändig und durchaus nicht minderwertig gegenüber,
tflohl haben die japanifchen Meifter mit dem befcheidenen Materiale, das ihnen zu
Gebote ftand, nicht die finnliche Pracht des chinefifchen Porzellans erreicht — fie haben
fie vielleicht auch gar nicht erftrebt —, aber fie haben dafür ihren fchlichten merken
etwas gegeben, das mehr wert ift und das den koftbarften chinefifchen Prunkvafen
fehlt: eine Seele. Die Chinefen wie alle anderen Völker haben die Keramik nicht über
den Rang eines Kunftgewerbes hmausgebracht, die Japaner allein haben fie zu der
ßöhe einer wahren Kunft erhoben.

China und der japanifche Farbenbolzfdjnitt

Mit vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Von JULIUS KURTH


ede neue miffenfchaft hat etwas Fluktuierendes. Man glaubt, aus hundert ünter-

fuchungsobjekten zu feften Schlüffen berechtigt zu fein, wenn aber nach einiger

3eit aus den hundert zehntaufend geworden find, da verfd)ieben fich die Schlüffe ganz

bedeutend, und ein Fazit bucht gewaltige Fehlfd)lüffe. Ein [plagendes Beifpiel ift die
Ägyptologie, in der jeder neue Fund eine Überrafchung und einen ümfturz bisheriger
Dogmen bringen kann. Ich erinnere nur an die einzigartige, erft jefet allmählich richtig
gewertete Geftalt des Sonnenkönigs Amenophis IV., die in die miffenfchaft gänzlich
neue Kunftprobleme hinemtrug, und weife auf die wertvollen Arbeiten Heinrich
Schäfers auf diefem Gebiet. Ähnlich fteht es mit dem japanifchen Fjolzfchnitt. der
ihn auch nur etwas kennt, der weiß, daß feine früheren dertungen [ehr änderungs-
bedürftig find. In der zweiten Auflage meines „Abriffes“ fchrieb ich, daß die „wiffen-
fchaftliche Arbeit“ auf diefem Gebiete „erft richtig anfängt“, und ich nehme trofe der
gewaltigen Literatur, die ihm allein gewidmet ift, diefe Behauptung auch heute noch
nicht zurück.
Man wird mir eine gewiffe Bekanntfchaft mit ihm Zutrauen, aber ich geftehe oh ne
Bedenken, daß ich fortwährend umlernen mußte. Critt man an ein neues Kunftgebiet
heran, das einen gegenftändlich feffelt und begeiftert, fo ift man nur allzuleicht geneigt,
den Autoritäten, die es bisher beackert, kritiklos zu glauben, wenn fie Catfachen aus-
zufprechen fcheinen, und die fich neu erfchließende Landfchaft durch ihfe oft recht
perfönlich gefärbte Brille zu betrachten. Dringt man aber nach einiger Ernüchterung
vom Raufche des Gegenftandes felbft zu den Quellen vor, fo wird das Gefamtbild oft
ein gänzlich andres!
Verfchiedene Autoren und Autoritäten haben auf den Japanholzfd)nitt verfchiedene
Dogmen geprägt, die fchwer ausrottbar find, obgleich fie fich leicht widerlegen laffen.
Dazu gehört z. B. der berühmte Safe, daß der Japaner kein Porträtift fei. önd als
Kuriofum eines fortfchleichenden Schnifeers teile ich mit, daß der famofe, unmögliche

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