Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Eine maorifcße fjütte trennt den Menfdjen nid)t vom Leben, von Raum und Unendlichkeit.
. . . Klarum zögerte ich, diefen Sonnenjubel auf meine Leinwand zu bannen.
Oh? diefe alten europäifcßcn Überlieferungen! Die furd)tfame Ausdrucksart ent-
arteter Raffen!
[An de MonfreidJ: Inzwifcßen genießen Sie Ißr Leben in aller Ruße: die Animalität
in uns ift nidt)t fo verächtlich, wie man immer fagt.
Mein Cßeater ift das Leben. In ihm finde id) alles, den Schaufpieler und die
Dekoration, das Erlefene und das üriviale, das Kleinen und das Lachen.
. . . Sie wiffen, id) liebe Blumen über alles. —“

Münchner Neue Sezeffion / Ein Bericht

Von FRANZ ROH

Mit acht Abbildungen auf vier Tafeln

Stellungen moderner Kunft zeigen immer wieder auffallendes Decrescendo in Be~


fe^ung der Gebiete: Sehr viel Malerei, wenig Plaftik und fo gut wie gar keine

Ärchitekturentwürfe. üeilweife begründet fid) diefe üatfacße äußerlich: durch die
Not der 3eit, die über allen üeilen Deutfcßlands lagert. Es ift gerade noch erfcßwing-
lid), fid) auf der Fläd)e einer Leinewand oder auf Pappe auszudrücken. Viel fd)werer,
fid) plaftifch in edlen Materialien auszuwirken (und dann gar deren Verfand zu be-
freiten). Ärd)itekturentwürfe aber find ein utopifcßes Spiel auf Papier geworden, da
die Möglid)keit, in großem Stil zu bauen, immer mehr fd)windet. Ero^dem wird es
Hauptaufgabe werden müffen, gerade gute Ärchitekturentwürfe zur Schauftellung zu
bringen, in Konkurrenz zu fe^en und damit Betätigungsmöglichkeit deutfcher Archi-
tekten im Ausland ßerbeizufüßren.
Aber auch inneren Grund hat jenes Decrescendo. Der Expreffionismus trug foviel
Raufd) und Phantaftik in fid), daß er mehr zum freien Bewegen von Farben und
Maffen im Scheinraume der Malerei führen mußte, als zur Geftaltung von Maffen
im realen Raum, in deffen Ordnung fid) die Plaftik einftellt. Und zur wirklichen
Architektur konnte der Expreffionismus folange wenig Neigung haben, als er das Sein
immer wieder vorftellte als kreifenden Eumult und Eaumel aller Kräfte gegeneinander,
welche Vorftellung den ftatifd)en Notwendigkeiten des Ärd)itekturleibes nicht gerade
entgegenkommt. Indem dies dynamifche Vorteilen des Lebens jefet zu fcßwinden
beginnt zugunften einer ftatifcßen Vcrfeftigung, in der die Beziehungen alles Seins ehern
rußend gedacht werden, mag fid) aud) das Verhältnis zur wirklichen Architektur ändern.
Der Geift der Münchner Neuen Sezeffion wirkt fleh diesmal befonders einfeitig in
der farbigen Fläche aus. An Plaftik find eigentlich nur ein paar Köpfe von Claus zu
nennen, folide Arbeit. Keiner aber dachte aud) tyer das Geßäufe aus, in dem all fold)e
transportabeln Stüdce Kunft nun ihren finnvolkn Ort haben könnten. Für die Malerei
liegen fodann wenig Gäfte von auswärts vor. Um fo gefd)loffener fprießt die Münchner
Malerei als fold)e.
Um der Gefd)id)te des Münchner Expreffionismus kein Unrecht zu tun, muß man
wiffen, was alles im Bereich diefer Stadt wirkte und wieviel ißr heute durch Cod, Not
und Ungunft der Verßältniffe entzogen ift. Die Gruppe des „Blauen Reiter“, dem
eine entfeßeidende Rolle in der Gefcßicßte des füddeutfeßen Expreffionismus zugefallen
war und auf deffen Kleiterentwicklung man ßöcßft gefpannt fein mußte, wurde allzu
früß zerfprengt: Franz Marc und Macke fielen im Krieg, Kandinfky ift heute Profeffor
am Bauhaus in Kleimar, ebenfo Klee, welcher der Gruppe nicht allzu ferne ftand.

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