Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Das Kruzifix in Forftenried

Von H.BEENKEN / Mit vier
Abbildungen auf drei Tafeln

ne der wertvollen und bedeutfamften Schöpfungen romanifcher Plaftik in Süd-


deutfd)land ift, obgleich jie fid) unmittelbar vor den Coren der bayrifchen Fjaupt-

*■—A ftadt befindet, bisher von der kunfthiftorifchen Forfchung ganz unbeachtet geblieben.
Der früher einmal berühmte Kruzifixus in der Kirche des kaum eine halbe Stunde
vom Münchner ödaldfriedhof entfernt gelegenen Dorfes Forftenried ift nur im Inventar
und bei gelegentlichen Aufzählungen romanifcher ßolzbildwerke Bayerns genannt
worden; für die Forfchung war er eigentlich noch durchaus zu entdecken. Leider ift
die Gefamtaufnahme, die wir hier zum erften Male veröffentlichen, nicht fehr glücklich-
Der lebensgroße (1,75 m hohe) Körper ift 1729 in dem barock-dörflichen F)ocl)altar fo
aufgerichtet, daß der photographifche Apparat ißn nur fcßwer und unter ungünftigen
Beleud)tungsverhältniffen erreichen kann. Eine Detailaufnahme, fcljräg von unten, mag
in einzelnem die Anfchauung ergänzen1. Die Faffung der Figur ift leider eine wenig
fchöne der Reftauration im Jahre 1859: gemeinfter Ölfarbenanftrid)2. Angeftückt find:
die Arme — wohl von jeher —, Fugen laufen, wenn auch unter dem Anftrid) nicht
fehr deutlich, von der Achfel zur Oberkante des Chorax. An den Füßen ift nichts

angefetjt.

Das ift wichtig, denn die Füße find mit einem Nagel übereinander-, nicht nebenein-
andergenagelt, was nach Golafchmidt3 erft von etwa 1220 ab Vorkommen foll. 3wei-
feilos gehört das Forftenrieder Kruzifix aber noch dem 12. Jahrhundert an, obgleich
das Inventar es ins 13. Jahrhundert datiert. Es ift, foviel ich fehe> das einzige ülerk,
das, diefes Motiv auf weifend, vor den von Goldfchmidt angeführten Inkunabeln ent-
ftanden ift, und zwar nicht unerheblich vor ihnen. Der Fall warnt daher, bloß auf
Grund äußerer Merkmale ein t£Ierk zu beftimmen, die fcßließlich doch einmal nur zu-
fällige fein könnten, er mahnt, um ein Verftändnis der inneren Formenentwicklung
uns zu bemühen.
Die frühe Datierung ergibt fiel) fowotd auf Grund des ftiliftifchen Befundes, den wir
unten erörtern werden, wie auf Grund hiftorifcher 3eugniffe. Diefen ift allerdings aus
gewichtigen Gründen an fiel) noch nicht Glauben zu fchenken. Das Kreuz war in
früheren Jahrhunderten als wundertätiges Gnadenbild fehr im Anfehen. Von den Le-
genden, die fiel) um es gebildet haben, berichtet kurz ein in München 1709 erfd)ienenes
Craktätchen: „Kurier Bericht von dem ödunderthätigen \)\. Creutj, Gleiches zu Forften-
ried in Ober-Bayern unweit München.verehrt wird“. Diefer Bericht fußt an-
fcheinend auf einem Brief des Andecßfer Abtes Cöleftin an den Pollinger Kanonikus
und Forftenrieder Vikar Auguftinus Baader vom 21. Februar 1656, von dem in einer
handfchriftlidjen Chronik des Klofters Polling im Bayer. Fjauptftaatsard)iv4 die Rede ift.
Es wird von allerlei ÜJundern erzählt, vor allem dem, das fiel) bei einer Überführung
aus Andechs im Jahre 1229 zugetragen habe. Die übliche Gefd)id)te, daß die Pferde
den (Hagen mit dem Kreuz nicht vom Flecke bekamen, daß das Bild alfo feinen
Cüillen bekundete, in Forftenried zu bleiben. Als Quelle diefer Erzählungen wird ein
1 Id) konnte fie im Sommer 1920 mit gütiger IJilfe des Fjei-rn Pfarrers dlinfauer machen, deffen
liebenswürdigem Intereffe id) zu größtem Dank verpflichtet bin. Ihm verdanke ich die erften Fjin-
weife, die es mir ermöglichten, den Quellen der hiftorifeßen Erwähnungen des Denkmals nach-
zugehen.
2 Fjerr Prof. Karlinger, der die Freundlichkeit hatte, das öüerk zu unterfuchen und mir feine
Ergebniffe mitzuteilen, bemerkte, daß unter dem Änftrid) das Relief des alten, z. C. abgefd)älten
— früheftens fpätgotifchen — Bolusgrundes fießtbar fei.
3 Jaßrb. d. preuß. Kunftfammlungen 1915, S. 137 ff.
4 Pollinger Klofterliteralien Nr. 110, fol. 167—170. Eine Äbfd)rift der Stelle verdanke id) dem
liebenswürdigen Entgegenkommen der Fjerren Direktor Dr. Riedner und Oberard)ivrat Dr. Schrötter.

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