Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Vorfahren find für die Nachkommen verhängnisvoll geworden; die Äutorität ihrer
majeftätifcßen Vollendung hat den Mut und die Kraft zu neuem felbftändigem Schaffen
gelähmt. Japan, das man mtt Recht ein „Mufeum der oftafiatifchen Kunft“ genannt
hat, war zu voll von alten Meifterwerken. Sein Kunftwefen glich einem alten, forg-
fältig gefronten Fjocßwalde, in dejfen feierlichem, tiefem Schatten [ich kein junger
Äufwuchs zu erheben vermag. Die Kataftrophe vom 1. September hat diefen [tolzen
Hochwald gelichtet und fie hat dadurch vielleicht Raum, Luft und Licht für die Ent-
wicklung der neuen Kunft gefchaffen, die den Japanern bisher gefehlt hat und die fie
brauchen. Ein junges Ge[cßlecht kann [ich nicht nur mit alter Kunft begnügen, auch
wenn die CLIerke der Vergangenheit denen, die es felbft hervorzubringen vermöchte,
äftßetifcß weit überlegen fein füllten; denn die Kunft dient nicht nur dem äfthetifchen
Genuffe, fondern fie ift ein überaus wichtiges foziales Organ als ein Mittel der Ent-
ladung, der Mitteilung und der Erregung; und deshalb muß pd) jedes neue Gefchlecht
eine neue Kunft fchaffen, die feinen befonderen Lebensbedingungen und Lebens-
bedürfniffen entfpricht. Man hat gefagt, daß die Kunftwerke, die ein Volk hervorbringe
und ßinterlaffe, der eigentliche 3weck feines Lebens feien. Ich glaube eher, daß um-
gekehrt alle Kunft nur ein Mittel zum Leben fei, und da es immer der 3weck ift, der
die Mittel hervorbringt, fo wollen wir hoffen, daß der ftarke Lebenswille des japani-
feßen Volkes aus den Ruinen von üokyo eine neue Kunft aufblüßen laffen wird.

Vergleichende Studien zur Malerei Japans

Von WILLIAM COHN / Mit fünf-
zehn Abbildungen auf acht Tafeln


und

i.

Daß die japanifeße Kunft des 7. Jahrhunderts nur ein feftländifcßer Ableger ift, be-
weifen feßon die Angaben in den verfeßiedenen literarifcßen Quellen1. Aber
aueß die ganze geiftige Lage macht es wahrfcßeinlicß. Ein eben noch feßrift-
und kunftlofes Volk fueßt mit allen Kräften der Segnungen einer ßoßen Kultur teil-
haftig zu werden. Die Malereien und Skulpturen der Frühzeit Japans ftammen zu-
meift von der hand eingewanderter Meifter. An einen Vergleich der Kunft hüben
und drüben darf man überhaupt noch nicht denken. Üüie kärglich wenig von der
gleichzeitigen oder eben vergangenen Kunft Chinas2 oder gar Koreas ift auf uns ge-
kommen! Verfcßwunden find anfeßeinend alle größeren Fjolz-, Kanfßitfu-3 und
Bronzefkulpturen, die die wießtigften Cempel in den Fjauptftädten4 zierten, erhalten
ßaben fieß nur wenige Kleinbronzen, fonft allein Fjößlenfkulpturen und Grabfteine. Sie
erfeßöpfen ficßerlicß nicht nach Art und Artung die Möglichkeiten der 3eit. Auch wenn
die zahlreicheren Oüerke, die [ich in Japan befinden, unbekannte 3üge zeigten, fo be-
fagte das wenig. In COirklicßkeit gehen fie jedoch faft reftlos in dem feftländifcßen
Material auf. Daß fie es an Kunftwert oft übertreffen, ift nur 3ufall- tüo in China fieß
meift handwerksmäßiges und dies noeß zum Ceil in Gegenden fern vom Brennpunkt
der Kultur erhalten hat, vermag Japan eine Reiße von Kultftücken feiner älteften und
berüßmteften Cempel aufzuweifen. Über die Malerei hüben und drüben in diefer
Frühzeit etwas Entfcßeidendes ausfagen oder gar auf Einzelheiten eingeßen zu wollen,
erfeßeint noch ausficßtslofer. fyer verfagt Feftland und Inselreich in gleicher COeife.
1 Vergleiche vor allem F) Fjaas, Annalen des japanifeßen Buddhismus. M. D. G. N. V. Oft—
afiens. Cokyö 1908. passim.
2 Es kommt die Kunft der Nord-tüei (386—535) und Liang-Dynaftie (502—57), der erften Blüte-
perioden des chinefifchen Buddhismus, in Frage.
3 Eine Lacktechnik.
4 Vor allem Ping-cßeng, Lo-yang und Nanking.

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