Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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wird der gefcßicßtlicße 3ufammenßang ein Spielzeug in den fänden des Sßönßeits-
fucßers. öCIill er aber die Entfteßung des Kunftwerks ergründen, fo ift er nicßt meßr
im[tande, deffen lebendige (Herte zu begreifen. Entweder muß er es vom Standpunkt
der Rezeption oder vom Standpunkt der Produktion aus betrachten. Entweder äftße-
tifcße oder ßiftorifcße Kunftanfcßauung. Entweder bannt ißn die Gegenwart oder die
Vergangenheit. Beide zugleich zu umfpannen, geht über feine Kraft.

Älois Erbach

Von MELA ESCHERICH / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Die Kernfrage der neuen Kunft ift die Äuseinanderfeßung von Vifion und GCIahr-
nehmung. (Hie der Impreffionismus den Schwerpunkt, man möchte faft fagen, den
fittlicßen Äkzent auf das 3ufällige legte, mit dem Erfolg momentanen Anreizes
und Naßgefcßmack von Hnbefriedigtßeit, fo mußte in notwendiger Reaktion der Ex-
preffionismus mit der Äftßetik des Moments und der Stimmung brechen. Nicht die
Situation, fondern das (Hefen der Dinge ift es, womit fid) heute die Kunft befcßäftigt.
Man muß fiel) diefe grundfalschen Hnierfcßiede immer wieder vor Äugen halten;
denn die (Hertung neuer künftlerifcher Erfcheinungen hängt nicht zum mindeften davon
ab, inwiefern fiel) die Perfönlißkeit in den Dienft der allgemeinen Entwicklung ftellt.
Es gibt Künftler, die das Problematifche ihrer 3eit nebenan liegen laffen; andre
greifen es wahrhaft auf. 3U den einen wird das Verhältnis des Befchauers ein rein per-
fönliches, bei den andern erweitert es fiel) zu einer allgemeinen Angelegenheit. Ihr (Herk
[teilt ßd) zur Diskuffion. Es ift nicht nur Selbftbekenntnis, es ift Ausdruck des 32itwillens.
3u diefen Kämpfern für ihre 3^it gehört Älois Erbach. Er ift Rheinländer, ge-
boren 1888 zu (Hiesbaden. Aus der vielgeftaltigen Einheit der rßeinifßen Kunft be-
ginnt feine Erfßeinung in ihrer Befonderheit hervorzutreten.
(dir fühlen in feinem (Herk eine frifdrje Luft zur Äuseinanderfefeung, jenen deutfßen
Fjang des Suchens nad) dem Geheimnis des Gefeßes.
Älfo zunächft ftrenge Stellungnahme gegen das Stimmungsbild, deffen Äfthetik durch
die Fortfehritte der Photographie erfßüttert wurde. Sachlicher Ausdruck ohne Neigung
zur Karikatur; keine Gloffarien, nur Erlebnis der Dafeinstatfaßen.
Die Äuseinanderfetjung erfolgt vielleicht am ftärkften in der Landfßaft oder fie wirkt
hier am finnfälligften, weil in ihr die Befreiung vom 3ufäHigen für den Befßauer
immer ein Ereignis wird. Ein fo einfaches Motiv wie die Berglandfcßaft löft Er-
regungen aus, lediglich durch die Knappheit ihres Ausdrucks.
Die Landfchaft ift mehr oder minder immer das Gebiet, wo die Meinungen am
ßeftigften aufeinanderplafeen. Es gibt Leute, die ein naturaliftifcß gemaltes Geßßt be-
reits langweilt; aber von der Landfchaft werden fie erft gerührt, wenn fie Blättchen fehen.
Catfäßliß enthält nicßts fo viel Ablenkfames wie die freie Natur; nicßts fo viel Be-
zauberndes in Einzelheiten. Hnd dod) — der Menfcß, der in die Natur flüchtet, fueßt
fie als Ganzes.
Bei Erbacß ift die Landfchaft immer jenes Ganze, das fid) zum Befcßauer in eine
bildnisßafte Beziehung fetjt. Das Körperliche des Gefteins betont fiel) in der Gewalt
eßarakteriftifeßen (Imriffes. Die Hannen gehen als 3üge in diefem Gebirgsantlitj auf.
Sie haben nicßts Vegetatives vor dem Geftein voraus. Stein und Pßanze find als ein
gemeinfamer Organismus von der gleichen Lebenswelle durcßpulft. Aus (Irzeiten haben
fiß diefe Formen gebildet. Jeßt ßnd ße von den Ereigniffen ihres Dafeins, den kosmifßen
Revolutionen und den Vorgängen der Jahreszeiten gereift. Ein (Hefen feßaut uns an . . .
Diefes (Hefenßafte fprißt auß aus der Ärßitekturform. Ein Bauwerk ift ein Ge-
wordenes, gewiffermaßen ebenfo wie Stein und Pßanze. Kunftwerk ift beides; nur
das eine von Menfßenßand. Aber im 3ufammenleben mit der Natur, durcß die Ver-
witterung und das Verwacßfen mit der Hmgebung, bildet und verfcßärß flcb Fein

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