Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Kl)mer-Köpfe

Von ALFRED SALMONY j Mit
drei Abbildungen auf zwei Tafeln

Die Stellung der Khmer-Plaftik im Ganzen des l)interindifd)en Kreifes ift hier be-
reits angedeutet worden (Cicerone, 1. Apen-Heft, Seite 282—285), ol)ne daß
damit die Probleme diefer Kunft reftlos aufgewiefen wären. Die genaue geo-
grapl)ifd)-politird)e Abgrenzung wird unmöglid) in Bezirken, in denen die Raffe allein
Cräger der Kunft ift. In Grenzregionen entfteht Kljmer-Kunft, folange diefes Volk
herrfcht. Es kommt dort aud) zu Vermifd)ungen. Aber troß aller Ähnlichkeit mit
Benachbartem unterfcheiden pd) die Denkmäler von Cambodgia deutlich von den übrigen
Schöpfungen ßinterindiens. Man hüte fid) jedoch, den Begriff der Khmer-Kunft zu
eng zu umgrenzen, der Geftaltungsreid)tum der angeblich fo formaliftifchen Plaftik ift
größer als man ahnt.
Es bedeutet keine wefentlid)e Verengung der Betrachtung, wenn man Köpfe an
Stelle ganzer Figuren feßt. Der Ausdruck fammelt fid) ftets im Antliß, denn die 3üge
find leicht der Gefühlshaltung dienftbar zu machen, die, wenn fie nicht abpd)tlid) zur
Darftellung gebracht werden follte, die formaliftifche Decke der üradition und des
Kanons mit triebhafter Notwendigkeit durchbrechen mußte. Die Khmer-Plaftik dient
mehr als irgend eine Kunftübung Apens dem buddpiftifchen Ideal, ohne daß deffen
Anwendung auf die Monumente der Lehre des Erhabenen befd)ränkt bliebe. Noch
ift es nicht möglid), die einzelnen Üypen zeitlich einzuordnen, doch fdjeint es pd)er,
daß der Höhepunkt der idealiperten Darftellung in die des klaffifcßen Stils von
Angkor (9.—12. Jahrhundert) fällt. Aus dem Anfang diefer Epoche zeigten wir im
vorigen Auffaß, S. 279, den Fj rri-Hara (Abb. 2). Es fei \)ier der Herkunftsort Maßa
Rofei, Provinz Prei Krabas (Süd-Cambodgia) und die Höhe. 1,75 m, nachgetragen.
Gleichen Stils war aud) der Gandharva mit dem Pferdekopf (Abb. 3 ebenda), Begleiter
des Gottes des Reichtums Kubera (Höhe 1,35 m). Die klaffifd)en Buddhaköpfe von
Cambodgia gehören fämtlid) einem beftimmten Cypus an, in dem pd) kanonifd)e Ent-
lehnung und freie Geftaltung feltfam vermifchen. Das Beifpiel (Abb. 1) befindet pd)
im Mufee Indo-chinois, Paris und ftammt vom Prah Khan, Provinz Compong Chom
(Höhe 46 cm). Klie faft alle Kunftwerke des Mufeums ift auch diefes durch unfinnige
Ergänzungen am Hälfe entftellt. Linien fpielen in der Geftaltung diefes Gepd)ts eine
geringe Rolle. Scharf umgrenzt ift nur der Ceil, der unweigerlich dem Kanon unter-
worfen ift, die Frifur. Ein Band markiert den Haaranfaß. Die Lockenfpiralen pnd
ganz Pad) behandelt (im Gegenfaß zu Java). Die Reihen der Haarkringel erheben pd)
erft auf der Schädelausbuchtung (ushnisßa) ein wenig. Im Antliß ift alles weich
modelliert. Die Übergänge pnd vorfichtig in das volle Fleifd) gebettet. Das Auge
war nid)t gefd)loffen, wie es auf der Abbildung fcheint. Lider und Pupille pnd ein-
gerißt, jedoch häupg durch die Verwitterung nicht mehr pchtbar. Die kurze gerade
Nafe befd)attet die Oberlippe — Oberlicht dürfte diefe Köpfe ftets ihrem wahren
Afpekt am näd)ßen bringen. Ausdrudcgebend ift vor allem der Mund. Über kleinem
runden Kinn zieht er pd) zu einem breiten unendlich milden Lächeln. Die Mund-
winkel liegen ganz fpiß in den Klangen, die Lippen heben P<h kaum merklich aus
dem Stein. Diefer Mund ift es, der auf den erften Blick die Herkunft eines cambod-
gianifchen Kopfes verrät. Niemals lächelte der Erhabene zärtlicher. Die Fülle der
erhaltenen Buddha-Köpfe gehört diefer idealisierenden Richtung an.
Ihrer religiöfen Bedeutung entfprechend find brahmanifche Köpfe häupg fchreckhafter
(Abb. 2). Die vergrößerten Augen, der drohende Mund laffen auf einen fhivaitifd)en
Kopf fchließen. Das dritte Stirnauge und der Kopfpuß fprechen gleichfalls dafür.
Der eigentümlich dämonifche Ausdruck vieler brahmamfcher Stücke hat leider im vorigen
Auffaß zu einer falfcßen Beftimmung geführt, die \)ier berichtigt werden foll. Abb. 3

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