Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Dod) diefe ift ins Erdfarbene zurückgenommen, der Cod fcßeint eng gehegtem Klald
und ftierem Einzelwudjfe dunkel im erftarrenden Geäft zu fteßen. Scßneegrab wartet
im Gewölk und lieblich) eisgrau, eiskalt fteßt der Erdrand in der fernßen Ferne, FJerr-
fcßend aber bleibt das wunderfame Filigran des Vordergrunds, das taufendfad) per-
lende, ausrollende, zart fich fpreizende Leben der 3weiglein und Klipfel, das Hefige
Streid)elfell des bangen Klaldes. Und das Gewäffer, in welkem Bogen in den Leib
der Erde eingefurcht, in feltfamer Beziehung mit dem Fjimmel, lechzt trüb zurück ins
Innere der Erde.
Klirklid) ein Menfch mit 3ukunft und ein 3auberer, der uns geheime Bindung von
Gegenfä^en, die uns auseinanderßelen, lehrt: Die Erde als geologifdt) weithin Aufge-
bautes und — als unendlicher Grasbü[d)el, als Ämeifenberg. Ein Meifter, der uns eine
Sicht gibt, weit in die Ferne und — durch das Mikrofkop. Der uns ins unendlich
Große leitet und das Unendliche des Kleinften in die Cafel zaubert. Der uns liebend
ins Idyll führt und dennoch nicht verfchweigt: auch hier wartet — als die Leere und
das Nichts — der Cod.

Max Rappaport

Von FRITZ NEMITZ / Mit
vier Abbildungen auf zwei Tafeln

Will man das bisherige Klerk Rappaports in eine der Reihen heutigen Kunft-
wollens einordnen, fo ftößt man auf Schwierigkeiten. Mit dem Expreffionismus,
foweit er neue innere Kielten darftellen wollte, hat er ebenfowenig zu tun wie
mit den Problemen des Kubismus. Am eheften kann man ihn der zweiten Generation
des Impreffionismus zuzählen, zu jenen deutfchen Malern, die von der großen franzö-
fifcßen Cradition ihre entfcheidenden Eindrücke erfahren haben, die in Paris am Änfang
des neuen Jahrhunderts fanden, was fie fud)ten. Seine Entwicklung hat fich außerhalb
der Programmatik vollzogen, ftill und abfeitig; aber er ift innerhalb der Kunft und
Maler in des Klortes eigentlichster Bedeutung. Niemals handelt es fiep bei ihm um Aus-
druck eines „inneren Erlebniffes“, um Bekenntnis oder Ekftafe, fondern immer um Ge-
ftaltung eines optifd)en Komplexes, wobei freilich nicht der unmittelbare Neßhautein-
druck wiedergegeben werden foll — auch bei den Impreffioniften war das Klefentliche
immer mehr als bloße Niederfd)rift eines Augenblickseindruckes, mehr als angewandte
Farben- und Fleckentheorie — fondern die Bezwingung des dreidimenfionalen Seh-
erlebnisses durch die Fläche, Synthefe von Natur und Abftraktion das 3iel bedeutet.
Darum find die Bilder Rappaports nahe vor der Natur, einfach, überfidt)tlid); nicht
erregend durch das Stoffliche, erregend nur durch den bezwungenen Reichtum der
Cöne, durch den inneren Rhythmus abgewogener Kompofition. Sie geben wenig zu
denken, um fo mehr zu fehen, mit den Augen zu faffen, zu fd)auen. — Die Nach-
folger des Impreffionismus waren in den letjten Jahren wenig beachtet, der program-
matifche Kampf um die neue Kunft hatte ße zurückgedrängt; fo erfcßien ihre Kunft
eine 3eitlang ein Nachteil — für jene philofophifchen Kunfttßeoretiker und konnte fich
in der Stille gefefemäßig entwickeln.
Die Natur ift das Erlebnis des Malers, und Rappaport hatte die Kraft, aus den opti-
fcßen und ted)nifd)en Forderungen des Impreffionismus die Mittel zur Vergeiftigung
fich langfam zu erarbeiten.
Sein 3ieb die Senfibilität der Farbe aufs höchfte zu fteigern, ohne das fefte Gerüft
der Kompofition zu verlieren; ein Kleg, auf dem die Linie zugunften des Cones ver-
hältnismäßig verlorengehen mußte. Der Schwerpunkt feiner Entwicklung liegt in Paris.
Fjier findet er, was er als Keim und Sehnfud)t mitbrachte: eine alte vornehme Mal-
kultur. Fjier beraufd)t er fich an den Senfationen der Athmofphäre, am zitternden Fluß
der Farben. ünd in Paris erringt er die Mittel zum Aufftieg. Er arbeitet in verfcßie-

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