Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Der Maler Carl Menfe

Von OSKAR MARIA GRAF / Mit
sieben Abbildungen auf vier Tafeln

> gibt in der großen 3ahl der Bilder diefes Malers drei Stücke, die, nebeneinander-


geftellt, mit feltener Eindeutigkeit die tiefften ÜJefenszüge feines künftlerifcßen

3—4 Strebens aufleucßten laffen: Die ruffifdje Cüinterlandfcßaft mit den barmherzigen
Samaritern •— ungeheuer in der Vißon, überwältigend in der Croftlofigkeit ihrer fcßneeigen
löeite, feltfam, ja faft beängftigend fid)er in der farblichen Erfaffung, in der räumlichen
Aufteilung — dann jenes grandios ftilftrenge Frauenbild „Vera“, das in feiner Einfachheit
und klaffifchen Ruhe wie das geglücktere lüerk eines deutfchen Botticelli wirkt — und
endlich ein peinlich gearbeitetes, warm-farbiges „Stilleben“, raffiniert und naiv zugleich,
abfichtlid) geftellt und doch wieder von jener ungezwungenen Sachlichkeit des 3ufalls,
die bezwingt, weil fie ed)t ift.
Drei tüerke — und der ganze Künftler hat uns in feinen Bann gezogen, fein Streben
ift uns klar, um feine Bedeutung wiffen wir.
Carl Menfe ift ÜUeftfale der Geburt nach und — wenn man fo fagen will — Kölner
dem (Xlollen nadt). 3wei Vorausfetsungen, die man nicht umgehen darf, wenn man
fiel) mit feinem Schaffen befaffen will. In feinem Künftlertum wirken die Elemente
der Fjerkunft faft fühlbar und mit der gleichen, ungebrochenen Kraft wie die der
lebendig gewordenen Traditionen früher niederrheinifcher Meäfter. Das Dämmernde,
Nachdenklich-Beunruhigte, Verträumte und Vifionäre des weftfälifchen Menfchen und das
Sprudelnd-Lebendige, das Sinnlich-Bewegte und KIirklid)keitsfromme des Rheinländers
treten fchon in den früheften TJerken diefes Malers zutage und verleihen ihnen den
Rhythmus.
KI. Schürmeyer fagt mit richtiger Vorausficht in einem erften Fjinweis auf diefe Be-
gabung: „Menfes Verhältnis zu feinen Stoffen ift ein zu tiefes, als daß er zu jeder
3eit feine Erlebniffe zu geftalten vermöchte. Er braucht Ruhe und Sammlung zum
Schaffen.“
Es ift mit einem folgen Künftler oft wie mit einem Kleltweifen —: Er ift fid) von
Anfang an über feine Stärke und über feine Schwächen klar; unbändig ftrebt er mit
jedem CHerke vorwärts, er gerät vermöge feiner bewußten Selbftkritik immer in Konflikt
mit dem Gefd)affenen und erft die reftlofe Geduld bringt ihn in die Bereiche der end-
gültigen Form. Er fteht gewiffermaßen immer nur teilweife in der 3ßk und ift ihren
Einflüffen nur infofern ausgefetjt, als fie feine feelifche Grundftimmung berühren. Solch
ein Schaffender wird bewußt immer feinen eigenen öCIeg gehen, von keiner künft-
lerifchen Methode beirrt werden, fondern immer einer letztmöglichen Schaffenserkenntnis
zuftreben.
Und dies muß \)iev fchon gefagt werden, Menfe ift im Gegenfatz zu den vielen
Gleichftrebenden feiner Generation eine abfolut von folcher Bewußtheit beherrfchte
Begabung. Es handelte pd) bei ihm nur um die 3ed> um die endliche Ruhe, um die
letzte Ausnützung der errungenen Könnerfchaft. Die Erfülltheit war da, das Ergriffen-
fein des Erlebten wirkte vom erften Augenblick des Schaffens bei ihm, der erkannte
UIeg lag vor ihm. 3wei große Gefahren galt es nur in die richtige Bahn zu bringen,
galt es zu überwinden —: Das fpielerifch Sichere, das nur oberflächlich Fertige im An-
wenden der malerifchen Mittel, eine, befonders in den Frühwerken oft auffällig zutage
tretende Überlegtheit, Gewolltheit — und andererfeits eine verführerifche Rafßneffe in
der Verarbeitung der Erlebniffe, ein Fjang zum Effektvollen.
Es gibt eine ganze Reihe von Bildern Menfes, die voll find von fold)en Merkmalen.
Genannt feien nur die frühen Madonnen, einige ungewöhnlich gefchmacksfichere Aqua-
relle und 3eichnungen, die der Maler nach dem Kriege aus Polen mitbrachte und be-

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