Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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oder der Kölner Gegend ftammt“. Gundold war offenbar unter feinen Mitarbeitern
nicht nur der 3ugereifte, fondern auch die größere Begabung, tüir haben weder
Grund noch Recht, feinem Künftlerftolz die Hervorhebung vor den beiden Genoffen zu
verübeln. 3ulet}t ift das Klerk der Drei als Ganzes doch wieder anonym und als
folcßes ein Erzeugnis feiner 3eit, der Kunft kein Selbftzweck war, fondern Betätigung
im Dienfte Gottes und der Kirche.
Eine Madonna vom Meifter des Blaubeurer
FJochalta 1 S Mit einer Tafel / Von HERMANN BEENKEN
Das hier in feßöner Aufnahme der Meßbildanftalt abgebildete Muttergottesbild ift
kein unbekanntes Stück. Es fteßt an fidjtbarer Stelle auf einem barocken Neben-
altar der ehemaligen Praemonstratenferkird)e von Kleißenau bei Ravensburg, im
18. Jahrhundert leider neu gefaßt, 1,58 m ohne Sockel ßocß. Karl Groeber bildete es jüngft in
feiner „Schwäbifchen Skulptur der Spätgotik“ ab, allerdings nur in einer unzuläng-
lichen, der vollen plaftifcßen Bedeutung nicht Rechnung tragenden Schräganficht. Merk-
würdigerweife hat Groeber nicht gefehen, daß es fid) um ein eigenhändiges Frühwerk
keines Geringeren als des Blaubeurer Meifters handelt, nachdem Dehio in der neueften
Auflage feines füddeutfehen Fjandbuchbandes das Cöerk feßon als diefem naßefteßend
bezeichnet hatte. An Ort und Stelle läßt die Qualität der Figur nicht zweifeln, daß es
der Meifter felber ift. Groeber gibt allerdings einen Hinweis auf lokal Näherliegendes:
„In Geßcßtsbildung und Faltenduktus ftark verwandt mit der Scßutjmantelmadonna des
Meifters Friedrich Schramm.“1 In der Cat, auch die Beziehung zu der feßönen Berliner
Figur diefes Meifters, die aus dem 1480 datierten Hochaltar der Ravensburger Pfarr-
kirche ftammen foil, leuchtet ein, fo daß man wird fragen müffen, ob diefer Ravens-
burger meßt des Blaubeurers Lehrer gewefen fein könnte2 *, wenn wir ein Früßwerk
diefes hier vor den Coren Ravensburgs finden. Daß es ein Früßwerk ift, noch vor
dem Blaubeurer Altar von 1493/94 entftanden, ift unverkennbar. Der raufeßende
Schwung, die üppige Breite der fonft fo ähnlichen, hier und da wörtlich übereinftim-
menden Altarmadonna8 ift nod) nicht ganz entwickelt. Noch wirft der Oberkörper ßdß
nießt fo ßoeßgemut nach einer Seite zurück, noch find daßer feine Gewichte aus gerader
Acßfe des Körpers nießt verfeßoben. Die Maffe des Gewandes, die in Blaubeuren
in voller üüölbung, nach vorn und nach den Seiten wallend um den Körper fteßt, liegt
ißm ßier enger an, der Lauf der Falten ift gleichmäßiger und in geraderen, paralle-
leren Richtungen gezogen, wo er dort gerne etwas auseinandertreibt. Das Kind ift
minder ungebärdig, fegnet artig und präfentiert die Kugel, ßeßt den Befcßauer an, was
alles der luftig zappelnde Blaubeurer Bambino nicht meßr mag.
Aucß knüpft die (Ileißenauerin an die Linie an, die von den feßwermütigen Ma-
donnen Multfcßers4 * * mit ißren verfonnen das Köpfchen neigenden Knaben etwa zu der
Heggbacßer Muttergottes0 führt. Aber die Geftalt ift ftandfefter, diesfeitiger geworden,
feßwingt nießt meßr weich verträumt in ftimmunqgefättigter Kurve aus. Die Blendung
des Kopfes ift bewußter, der Blick der Augen klar geöffnet, nießt meßr verhängen und
im Näßen dämmernd. Der weiteren iüelt des Diesfeits wird jefet nüchterner ins Ange
1 Gröber: Scbwäbifcbe Skulptur der Spätgotik 1922, Abb. 47.
* Vöge (Monatshefte f. Kunftwiff. 1909, S. 20) fcheint aud) Scbramms Kunft für ulmifd) zu
halten: „Aud) muß, falls die Ravensburger Mantelmadonna um 1480 entftand, in Ulm fd)on in den
pebziger Jahren ungefähr wie am Blaubeurer Altar gearbeitet fein/
* J. Baum: Die dimer Plaftik um 1500 (1911) C. 37.
4 Außer der Sterzinger von 1458 ift pd)er echt die fd)öne, die Baum jüngft im Cicerone Jg. XV,
S. 140, publizierte.
* J. Baum: Die Cllmer Plaftik um 1500, C. 3, rechts.

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