Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Das Criptycßon eines frühen katalanifdßen Meifters

Mit zwei Tafeln Von A. L. MAYER


Das Griptychon mit der Darftellung des 1)1. Vincenz auf der Mitteltafel und Szenen
aus dem Leben diefes Heiligen und feines Gefährten, des 1)1. Valerus, aus der
Kirche S. Vicente in Eftopinan (Provinz ßuesca), c’as jefet zu den Hauptftücken
der Sammlung Plandiura in Barcelona gehört, ift von kaum zu überfragender Be-
deutung für die Ge[d)ict)te der fpanifcßen Creceritomalerei. Kein anderes COerk der
fpanifchen Malerei weift derartig enge Beziehungen zur Schule Giottos auf wie diefes
Griptychon. Freilid) erweift fid) der Künftler nid)t nur von dem italienifc±)en Meifter
abhängig, fondern verrät auch 3uramir'cr]^nge mit franzöpfd)er Kunft, befonders in
der Kreuzigung im Giebelfeld der Mitteltafel1, Ulährend bei dem uns bekannten kata-
lanifcßen Künftler Ferrer Baffa, dem Maler des Marienlebens im Klofter von Pedralbes
die 3ufammer<hänge mit Siena und Avignon ohne weiteres klar find, wirkt die Per-
fönlichkeit des Autors unferes Criptychons infofern etwas rätfelhaft, als man fiel) fragt,
ob er Spanier war oder Norditaliener, der über Frankreich nach Spanien gekommen
ift. Eine genaue Prüfung der Malweife dürfte aber kaum einen 3weifel beftehen
laffen, daß der Künftler Spanier war. Ganz abgefehen von den Auffd)riften im alten
Dialekt z. B. Osca (Fjuesca), macht fid) eine gewiffe provinzielle Note deutlich bemerk-
bar; in manchem ift die Malerei etwas derber und forglofer als man das gemeinhin
bei italienifchen Künftlern gewohnt ift. All dies beeinträchtigt jedoch nicht die außer-
ordentliche Monumentalität und den dekorativen Glanz des CUerkes, die h°hG^svolle
Haltung, die pd) fowohl in der großen Mittelpgur wie in den kleinen Szenen kundgibt.
Die Entfteßung des (Uerkes dürfte ungefähr in die gleiche 3eit fallen wie jene des
kurz erwähnten anderen Hauptwerkes trecentiftifd)er Malerei in Oftfpanien, das hG'ßt
in das Jahrzehnt 1340—50. Es bleibt zu beklagen, daß uns von diefen bedeutenden
katalanifd)en Meiftern kein weiteres (Xlerk mehr erhalten ift, aber auch das eine Stüde
genügt, um den Unbekannten als einen Mitbegründer gotifd)-monumentaler Malerei in
italienifd)em Sinn auf fpanifchem Boden zu kennzeichnen.

Ein Doppelbildnis von Otto Dix
Mit einer Tafel Von WILLI WOLFRADT

Die Formenfprad)e der modernen Malerei befteht tyeute eine unverkennbare Ent-
wicklung: fort von flackernder Unruhe und von lockerem Ungefähr der Aus-
drucksweife, fort von verfd)wommener Phantaftik und viponärer Undurd)fid)tig-
keit — hin zu zeid)nerifd)er Prägnanz, fachlicher Entfd)iedenheit, ruhiger Akkurateffe.
Die auffälligften Stilphänomene diefer jüngften Phafe find ein zur klaffiziftifd)en Cra-
dition faft zurückkehrender Linearismus und ein beinahe cruder Verismus. Beides
fd)eint fid) theoretifd) eher auszufd)ließen als zu bedingen, aber tatfäd)lid) beftehen
wefensmäßige Beziehungen.
Jener neue Linienftil erfcheint am konfequenteften ausgebildet in Frankreich der
Picaffo, Derain, Coubine u. a., wo ihm das große Vorbild des Ingres namen-
ftiftend vorfd)webt. Es ift ein nach allem Vorangegangenen aud) felbft in Frankreich
durch [eine 3ügelung und Klarheit auffälliger Stil elaftifd)-melodiös hin9ebogener,
fd)lank gefd)liffener Kurvaturen, zwifchen die feft bezirkte, glatt und fauber gewölbte
1 Vgl. die Abbildungen in dem Huffatj des Verfaffers »Eße Burlington Magazine“, Dezember
1922, Nr. 237, vol. 41, p. 298 ff.

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