Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Gotifcße Meifterwerke der böi)mifd)en Bildßauerkunft
Mit sieben Abbildungen auf vier Tafeln Von P. E VONDOERFER-Prag

II. Ceil

Wenn man innerhalb der böhmifd)en Bildhauerkunft die Meifterwerke überfielt,
fo erkennt man bereits unter denjenigen der Gotik einige markante Perfön-
lidjkeiten, deren faft gewollte Äbfidjt l)ervorzutreten, mehr oder weniger klar
zutage tritt.
Die Überlieferung fjat uns jedoch über diefe Künftlerperfönlicl)keiten faft völlig im
Dunkel gelaffen. <Uol)l nennt uns die Tradition einige Namen einheimifcher Meifter1,
aber keiner von ihnen hatte den Klang und den weit über die Grenzen des Landes
hinausreichenden Ruf eines Olman Riemenfctmeider, Jörg Syrlin, Michael Packer u. a.
Noch weniger werden TIerke jener Bildhauer namhaft gemacht und daher ift die For-
fd)ung gänzlich auf fid) felbft angewiefen. Daß diefe wohl kaum imftande fein dürfte,
den Urheber des einen oder anderen der uns bekannten (Herke an Fjand der uns über-
lieferten 3unftbüd)er u. dgl. feftzuftellen, ift nur allzu erklärlich).
Dies ift übrigens auch) bei der bößmifcßen Tafelmalerei der Fall, Ulir hören auch)
hier nur eine ganz befd)ränkte Anzahl überlieferter Namen nennen, wie z. B. den des
Meifter Tßeodorid). Die meiften übrigen, wie die der Meifter des fjohenfurter
zyklus, des CUittingauer Altarwerkes, des Raudnitjer Flügelaltars u. a. m., find nur Be-
zeichnungen für unbekannte Künftlerperfönlicßkeiten, die uns erft die neuere Forfcßung
nennt. Und wie künftlerifd) t)od)ftel)end ift auch) die Malerei des XIV. Jahrhunderts in
Böhmen! Auch hißr offenbart fiel) die künftlerifd)e Energie und Kraftentfaltung einer
ftiledlen Volkskunft2.
In der Tat, die böhmifche Bildhauerkunft der Gotik verdient wegen ihrer hervor-
tretenden Typik unter den europäifd)en Schulen wärmftes Intereffe; gerade diefe Er-
kenntnis hat ja, worauf ich fd)on in meinem erften Auffaß bewies, zu einer Reihe
wertvoller Entdeckungen geführt. Der Anfang des Fjerausragens diefer Typik ift,
meines Erachtens nach, in der Darftellung der Pieta zu fliehen.
Bevor fiel) die böhmifche Plaftik, insbefondere durch die letztgenannte Darftellung zur
Sonderftellung !emporfd)wingt, macht fleh namentlich der fd)wäbifche Einfluß ftark
geltend. Diefer Einfluß zeigt fid) ja in den allererften „Vefperbildern“ ganz deutlich;
diefelben find daher nicht kurzweg einer diefer beiden Schulen zuzufcl)reiben, wie dies
etwa bei der Katalogifierung von Sammlungen gerne getan wird und müßte diefe
Frage in 3weifelsfällen zumindeft offen bleiben.
(Hie ftreng fiel) die böhmifche Plaftik der Frühgotik in ihren erften Anfängen an das
fd)wäbifd)e Vorbild hält, beweifen zwei Schieferfiguren der h^igen Dorothea und
Katharina aus der zweiten Fjälfte des 14. Jahrhunderts in der Mariahimmelfahrtskirche
zu Charvatec und befonders deutlich zwei Figuren der heiligen Katharina und Barbara,
ebenfalls aus Schiefer, in der Pfarr- und Klofterkirche zu Rocov3 (Äbb. 1).

1 V. V. Stecb führt in feinem Artikel „holzfcbniharbeiten jm Mufeum der kgl. F>auptftadt Prag“
im „Bericht des Kuratoriums des Mufeums d. kgl. F>. St. Prag für das Jahr 1912“, Prag, 1913 (in
tfcbecß. Sprache), als Anmerkung an: „Das Buch der Malerzecße 1348—1507 ßerausgegeben von
Pater und Lader 1878, erwähnt einige Sehniger und Bildhauer: Peter, Kuncz (Kunefch), Mikefch,
Cüenzel, Vanka, Janek, Maly, PetHk, Janek, Kiiftan; die Namen einiger anderer in öüinters „Ge-
fchichte des F)andels und Gewerbes im 14., 15. und 16. Jabrh-“ (in tfdjed). Sprache), ttleiter find
uns aus Kuttenberg und 3braslav Monogramme bekannt. Die erfte kurze Überficht der böhmi-
feßen Scbnijzkunft der Gotik feßrieb Güinter („Gefcbicbte des Gewerbes im 16. Jaßrb.“, S. 803—806),
(in tfched). Sprache).
2 „Die böhmifche Malerei des 14. Jahrhunderts“ von A. Matejöek, Bd. 12 der von Fjans Tie^e im
Verlag E. A. Semann, Leipzig herausgegebenen „Bibliothek der Kunftgefcßicßte ift ein Büchlein,
das als Einführung in diefes Gebiet feßr empfehlenswert ift.
3 Abb. Cafel IV der „Topographie der ßiftor. u. Kunft-Denkmale“ ßerausgegben von der arcßäol.

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