Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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mit Kornblumenmufter und der Jahreszahl 1722, vom 3eughaus [tammend (Gefchenk
der ehemaligen Ärtilleriewerk[tatt); eine englifdje Steingutterrine von 1782, mit Sdtjiffs-
darftellung und Danziger Flaggen (Ge[d)enk von Oberftltn. G. KIeid)brodt); und einige
kleinere Gaben.
Die Sammeltätigkeit Danzigs wird fid) fortan notgedrungen im Kunftgewerbe auf
die eigentliche ßeimatkunft und in der Gemäldegalerie auf die deutfcße Gegenwart be-
fchränken müffen. Ein Glück, daß aus anderen Gebieten und Epochen [cßon in der
3eit der Reid)szugehörigkeit anfehnliche Beftände aufgeftellt waren, die den Blick nach
üleften, von wo Danzig von jeher alle [einen kulturellen Änregungen empfing, wach-
erhalten halfen.

Das Ve[perbild in der St. Martinskirdje
7 11 FS TTI £•* T* HT Von WALTER PASSARGE / Mit
u ü 1U u c 1 y drei Abbildungen auf einer Tafel

Das nebenftehend nach proviforifchen Aufnahmen wiedergegebene Vefperbild, auf
das mich Mufeumsdirektor Dr. tüerner Noack aufmerk[am machte, befindet [ich
in der Kirche St. Martin zu Bamberg. Es fteht dort in einer Nifdße über dem
rechten Seitenaltar am Eingang des Chors. Ähnlich wie die große Madonna in der
Oberen Pfarrkirche ünfer Lieben Frauen ift das Stück durch weite Gewänder, die es
für gewöhnlich umhüllen, dem barocken Rahmen des Ganzen eingefügt. Dadurch wird
die örgeftalt den Blicken entzogen, die bei der großen Fjöhe der Aufteilung auch
kaum zur Geltung kommen würde. Das (üerk [tammt wahrfcheinlich aus der alten
Kirche St. Martin, die im 14. Jahrhundert erbaut und am Ende des 17. Jahrhunderts
durch den heutigen Barockbau erfetjt wurde. Der Altar der fchmerzhaften Maria wurde
1702 geweiht. Noch heute genießt das Vefperbild die größte Verehrung. Am letjten
Freitag vor der Karwoche, der im Kirchenkalender der Erzdiözefe als „Mariä Schmerz“
bezeichnet ift, begeht die Gemeinde von St. Martin ein befonderes Feft zu Ehren des
alten Gnadenbildes. Das Stück wird zu diefem 3weck in koftbare, weiße Gewänder
gehüllt und ift während der Vorbereitungen in der urfprünglichen Geftalt wenigftens
für einige Stunden [ichtbar. Diefe Schwierigkeiten, an das ÜJerk überhaupt heranzu-
kommen, mögen vor allem die Unzulänglichkeiten der Aufnahmen entfchuldigen.
Maria [ißt auf fchmaler Bank, den knabenhaft klein gebildeten Leichnam des Sohnes
auf ihren Knien. Ihr übergroß geformter Kopf, von dicßtem, unter der Kapuze her-
vorquellendem Fjaar gerahmt, ift leicht geneigt, fo daß eine milde, halbmondförmige
Bogenfchwingung die Geftalt durchzieht. Der Mantel ift als Kapuze über den Kopf
gezogen, fällt über die fchmalen Schultern tyerab und gleitet über die Füße in ein-
fachen, meift [enkredjten Falten zu Boden. Das Gewand zeigt offenen halsausfchnitt
und hochfitsenden, auffallend naturaliftifch durchgebildeten Ledergürtel mit metallener
Schnalle. Der Oberkörper, plaftifch nur wenig durchgeformt, ift ftark in die Länge
gezogen. Der tote Chriftus liegt faft horizontal auf dem Schoß der Mutter in zwei-
facher leichter Knickung. Maria ftü^t ihn mit der rechten fjand unter dem Kopf. Mit
der Linken hält fie feinen linken Arm ein wenig empor. Der rechte Arm des Leich-
nams ruht auf den Oberfchenkeln, über die fleh das Schamtuch fpannt, von dem ein
großer 3ipfol feltfam ftarr in den Raum ragt, die horizontale noch weiter betonend.
Die Gruppe ift aus holz gefertigt — eine genauere Beftimmung war bei der Kürze
der 3eit nicht möglich —, etwa 1,25 m hoch und innen ausgehöhlt. Die im ganzen
gut erhaltene FafTung zeigt folgenden Klang: Mantel Mariens gold, innen grün, haare
braun, Geficht fleifchfarben, Backen rot, Gewand gold mit graugrünem Saum und ein-
gepreßtem Mufter, der Leichnam faft durchweg grünlichgrau. Die Säume tragen
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