Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Paul Gauguin / 3wei Jahrzehnte nach feinem Code
Mit sechs Abbildungen auf drei Tafeln Von ERICH WIESE

„(Hoper kommen wir,
[Cler find wir,
GCIobin gelten wir?“

Das der Sdjlußftrid) Gauguins unter ein Erdenbürgertum von einem halben Jahr-
hundert: eine dreifache Frage ins Dunkel. Auf die es nur und immer wieder
eine Antwort gibt, die auch er gab: Erlöfung durchs tüerk. Und deffen Ge-
lingen feinen Verfuch, freiwillig allem 3weifel ein 3iel zu fefeen, faft als Schwäche
erfcheinen läßt.
Sie behielt nicht Gewalt über ihn.. Gauguin mußte leben, ächzte und jauchzte weiter
von GCIerk zu [Uerk, erlöfte [ich wieder und wieder, noch fünf lange Jahre, und ftellt
ans Ende feiner Bahn fein bunteftes Bild, einen Spiegel aus taufend Reflexen, ohne
jeden Flecken, ohne jede Crübung, klar wie alle [Uahrhaftigkeit: „Vorher und Nach-
her.“ — „Dies ift kein Buch.“
Man wird Gauguin nicht kennen ohne diefe Bekenntniffe. Vielleicht wird man ihn
nicht lieben, ohne Noa-Noa gelefen zu haben. [Uird die (Uahrhaftigkeit feiner Pilger-
fchaft befiegelt finden in feinen Briefen an den Freund Daniel de Monfreid.
Auch einer, Gauguin, der für feinen Glauben alles dahingab.
[Hoher kam er?
Als Menfch aus zwei Raffen, die einen Greco und Goya, einen Delacroix und
Courbet ihr eigen nennen. Das ift nicht unwefentlid) für die Erkenntnis des Künftlers,
fo wenig wie das, was er liebte: Manets Olgmpia. Degas. Puvis de Chavannes. Daumier.
Forain. FJokufai. Giotto, Raphael und Michelangelo, ßolbein und — die „Primitiven“.
Man hat fein [Uerk als abhängig von manchem feiner 3eitgenoffen erklärt und
nannte Piffarro, Vincent, vielleicht Cezanne und Seurat. Das hat ihn weniger verftimmt
als die Anmaßung einiger unbedeutender Maler, die vor ihm zu fein Vorgaben und
das gefliffentlich verbreiteten. — „Ich hafTe die Unbedeutendheit, ich hafTe den halben
[Heg.“ — Aber wir kennen diefe Gegner nicht neben einem Gauguin.
Die [Hahrheit ift, daß frühe [Herke von ihm in feinem Umkreis deutlich verankert
erfcheinen, daß feine fpäteren eine unerhörte perfönlidje Hat find, feine Cat. Er
fpannte die Sehne und fein Pfeil flog. Ein Picaffo griff ihn. Er ging von Fjand zu
Fjand, durch die Dutjende. Und heute, abgegriffen und ohne Spannung, tragen ihn
Caufende umher und wißen feinen Urfprung nicht: woher kommen wir?
[Her ift er?
Ruhender Pol noch hcute innerhalb eiries Strudels, den er entfachte, der um ihn
kreift. Seine neue Lehre, die fie alle i)zut zu haben behaupten: Farbe und Form, un-
abhängig von Erfd)einung und 3eichnun9 im Sinne der Natur, bloße Mittel zur Sug-
geftion eines geiftigen 3uftandes, zugleid) einer dekorativen und malerifchen Einheit.
Van Gogh ftieg wie keiner, mit der Intenfität des [Uahnfinns, bis in die Schönheit
des Atemlofen, wo es keine 3eugung mehr gibt. Gauguins Art kann noch heute,
nad) allen Mißverftändniffen und Verwäfferungen, neuer Anknüpfungspunkt werden —
und wird es. Denn fie ift, bei aller Bereicherung diefer, innerhalb der Cradition.
Nicht fo Matiffe, nicht Picaffo, nicht die „Abfoluten“: fie alle wurden Spezialiften.
[Uas nicht ausfchließt, daß man fie mit gleichem Recht lieben darf wie einen Gauguin.
Sein wahrer Nachfolger wurde und blieb Edvard Mund).
* *
*

Nichts wäre mehr gegen Gauguin, als ein geiftreiches Feuerwerk um und über ihn.
Darum feien unferen knappen Feftftellungen über den Künftler nur nod) wenige über
den Menfcpen angefügt.

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