Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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pcßtbar ift ein zweites Mädchen, das rückwärts an der Pyramide fitjt und das mit der
Mädcßenpgur der Scßläfergruppe identifcß ift. Statt dem Mupkinftrumente neigt pcß
das Mädchen einem Blumenkörbe zu, während das auf unferer Abbildung pcßtbare
Mädchen ähnlich modelliert einen Blumenftrauß windet. Die Figur des Kavaliers mit
der Laute ift woßl eine Erfindung Äuliczeks, die Pyramide mit dem Rocaillewerk da-
gegen ift getreulich der Scßläfergruppe nachgebildet.
Der hier wiedergegebene fteßende Bär, der ein köftlicßes Stück echter Naturbeob-
achtung ift, gehört der Frühzeit der Manufaktur an. Bruder Petj ift hier in feiner
ganzen drolligen Plumpheit wiedergegeben, er gehört in die Serie der Cierftücke, welche
uns Buftelli ßinterlaffen hat und welche fpäter aud) Äuliczek in ähnlicher Meife wieder-
gegeben hat.
In einem Verzeichnis der Merke Äuliczeks, das uns in einer Biographie des Meifters
überkommen ift1 — der anonyme Biograph ift möglicherweife Äuliczek felbft —
find 25 «Fjaßftücke» erwähnt, von denen es Fjofmann gelungen ift, 18 Stücke noch
nachzuweifen. Diefe Serie erfährt eine neue Ergänzung durch die Gruppen des von
einem Löwen angefallenen Pferdes (Äbb. 7) und des Stieres im Kampf mit Mölfen
(Abb. 8). Die lebendige Bewegung der Eiere ift wunderbar beobachtet und zeigt
Äuliczek als wirklichen Künftler, wenn er auch hier wohl manches von Buftellifcßen
Motiven übernommen hat.
Schließlich kommen wir mit den beiden hier abgebildeten Pfeifenköpfen (Abb. 9 u. 10) zu
einer Epoche, die fcßon die Verfallzeit der Nymphenburger Manufaktur bedeutet, ob-
wohl ihr als Leiter ein wohlerfahrener Mann wie Johann Peter Melchior vorftand, der
die FJöcßfter Porzellanmanufaktur zu hohem Anfehen gebracht und fiel) auch in Franken-
thal rühmlich betätigt hatte. Mit ihm aber hielt der zur Mode gekommene Klaffizismus
Einzug in die Nymphenburger Fabrik und feffelte feine Modelle in ftarre Formen. Der
Pfeifenkopf des Schneiders zeigt zwar noch einige Phantafie und Fjumor und ift in
feiner ausdrucksvollen Plaftik ein vortreffliches Stück Kleinkunft. Am andern Pfeifen-
kopf, „Fjand mit Bierkrug“, zeigt die fchöne Modellierung der Fjand von gutem Können,
Farbe und Form nehmen jedoch fd)on eine Kälte an, welche uns das Mefen diefer
3eit entfremdet. Es ift die 3^, m der das Figürliche zu Gunften der Gefäßkunft ver-
nacßläfpgt wird, und in der das Biskuit vor der glafierten Maffe den Vorzug erhielt.

Berliner, Potsdamer
Fayencen2

und Rljeinsberger
Von O. RIESEBIETER / Mit
drei Abbildungen auf zwei Tafeln

Bereits in meinem Äuffatj „Aus deutfehen Fayencefabriken“ im Cicerone 1919 S. 369 ff.
und in meinem Buch „Die deutfehen Fayencen“ S. 198 habe ich darauf hingewiefen,
daß erft eine größere, Vergleichszwecken dienende Äusftellung eine Crennung der
Erzeugniffe der Fabriken von Berlin und Potsdam ermöglichen laffe.
Es ift ein großes Verdienft des Generaldirektors v. Falke, daß er unter den fd)wie-
rigen Verhältniffen der Nachkriegszeit diefe Äusftellung im Berliner Sd)loßmufeum in
den Monaten September-Oktober 1922 veranftaltet hat, und zwar mit einem fo reichen
Material, daß die kunftgefcßichtlichen Ergebniffe als völlig fcßlüffig bezeichnet werden
können und daß er fie in feinem oben bezeießneten, mit umfangreichem Abbildungs-
material verfeßenen Merk zufammenfaffen konnte. G. Mirow in Müncheberg hatte
dankenswerterweife die Crennungsfrage dadurch wieder angeregt, daß er 1922 in
den „Brandenburgifcßen Mufeumsblättern“ die auf die Berliner Fayencekünftler pd)
1 IJofmann. Verfcßollene Nympbenburger Figuren. Cicerone XIV. Jahrgang.
2 Nad} Otto v. Falke „Hitberliner Fayencen“ (Verlag von Ernft CHasmuth, Berlin 1923).

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