Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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daß die Spitze der ausgefcßlagenen 3unge, die den Löwen dod) erft zu einem richtigen
ßeraldifcßen macht, einfad) weggefcßnitten ift. Kleggefcßnitten ift aud) die Volute in der
unteren Ecke, wobei der Handwerker verfäumt hat, den Volutenftumpf mit auszuroden.
Eben diefer Volutenftumpf aber darf als ficßeres Kriterium dafür gelten, daß hier eine üm-
formung der urfprünglicl) quadratifcßen Form auf das Rund erfolgt ift, und zwar offenbar
mit Rückßcßt auf die in Lüneburg übliche Caustabornamentik mit ißren Rundmedaillons.
Solche ümformungen laffen pcß übrigens an dem aus der Form ßervorgegangenen nccß
ungebrannten Con feßr leidet bewerkftelligen. Daß derartige Überarbeitungen vor dem
Brande, fozufagen aus freier Hand, zu den Gepflogenheiten der Lüneburger Klerkftatt
gehörten, hat auch Schröder richtig erkannt, wenn er auf gelegentliche Variationen unter den
Formtypen hinweift, die fid) nur fo erklären laffen. Für die Einfügung der Bruft-
bilder in die üaufteinringe fallen diefe Schwierigkeiten von vorneherein fort, da bei
diefen, aud) in Lübeck, ftets die mittlere Scheibe für [ich ausgeformt wurde, die fid)
ohne weiteres in die üaufteinmedaillons einfügen läßt1.
1 Durch ein Mißverßändnis in der Klifdrieranftalt pnd in flbb. 2 und 3 an den originalen Lübecker
Viereckskompoptionen die Ecken abgefcbnitten. Die zur Darftellung gebrachten Äusfcßnitte ent-
fprecßen etwa den Lüneburger Ausformungen.

Von Mitarbeitern der Vefts / 3wei Skizzen als
Vorarbeiten für eine Schilderung der Veftfdjen Krugwerkftätte in Kreußen
Mit drei Abbildungen auf einer Tafel Von RICHARD STETTINER

I. Sebaftian Dattler
Im Berliner Sd)loßmufeum befindet pcß, als alter Kunftkammerbepts (K 1459), ein
kleiner brauner Kreußener H^nkelkrug, ßod) ohne Deckel 16,8 cm, von typifcher
Form: der Fuß abgefeßrägt, der zylindrifcße Körper etwas nach außen gewölbt, über
diefem, unter dem Lippenrand, ein Klulft (Abb. 1). Die plaftifcßen 3'erformen auf
diefem Klulft pnd aneinandergereihte „gebundene Palmetten“, auf der Fußfcßrägung
ein äßnlicßes Ornament in S-Geftalt. Am Körper ift oben ein Streifen abgefondert
mit Infcßrift in erhabenen Kapitalbucßftaben „IOHAN RÜET EVANGELISHER (sic!)
KIR:“. Der übrige Keil des Körpers ift durch vier Karyatiden in vier Felder geteilt.
In zwei derfelben, dem vorderen und hinteren, pnd Rollwerkumraßmungen eingefügt,
die eine nur als ümfaffung des unteren Henkelanfatjes, die andere mit einem Signet:
ein plifierter wachsender Baum mit fieben Blättern mit den peben Bucßftaben GEDULLT.
Die beiden feitlicßen Felder pnd mit den einander zugewandten Bruftbildnipen Lutßers
und Melancßtßons, umgeben von einfachen Roll- und Blattwerkornamenten, gefcßmückt.
Bei dem Lutßerbildnis pnd oben links und rechts zwei kleine Schilde angebracht,
der eine mit einer gotifeßen Rofe — Lutßers Klappen —, der andere mit dem fäcß-
fifeßen Klappen, ünter den Bildniffen, innerhalb der Ornamente, lateinifcße Infcßrip-
tafeln. Bei Melanchtßon:
Parvus eram nec me tarnen ingens cepit ßic orbis:
Fama mei complet nominis omne latus.
(Klein, wie ich war, bepng mich dod) nicht des Kleltkreifes ünmaß:
Ruf meines Namens erfüllt jeglichen Strich der Kielt.)
Bei Luther:
Sancte Lutl)ere puer tua dogmata consona sacris
Arripui docui virque sonabo senex.
(Heiliger Luther als Knab riß icß an mich die heiligen Lehren,
Lehrte pe felbft als Mann, künde dereinft pe als Greis.)

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