Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Marketterie nad). Anfcßeinend ßatte der verbitterte Meifter diefe Arbeit Gefellenßänden
überlaffen. — Neumann ßatte den Scßreibfcßrank urfprünglid) für das ßocßf. Kabinett1 *
beftimmt. Er bjätte dann in einem kleinen Raum mit nußbaumfournierten Lambries
und vergoldeten 3'mnzieraten vor Pirots erften und ßeute verfallenen Gobelins ge-
ftanden, die „perlenfarben auf feidengrün“ getönt waren. — Ingelßeim beftimmte das
Möbel für das Luftfcßloß Veilsßöcßßeim. Dort wird es im Inv. von 1778 erwäßnt
und genau befcßrieben. Anfangs 1806 wurde der Scßreibfcßrank bei der großen Ver-
weigerung fränkifcßen fäkulariperten Kunftbepfees in Bamberg anfcßeinend mit ver-
äußert, denn im 19. Jaßrßundert taucßte das Stüde plötjlicß in England auf, von wo
aus es 1912 dureß Stiftung einiger Würzburger Herren für 16000 M. in das Luitpold-
mufeum zurückgekauft werden konnte.
Carl Maximilian Mattem war in erfter Linie Marketterift; was außerdem diefen feinen
beiden Möbeln gemeinfam ift, ift das Feßlen feßarfer Kanten und das Vorßerrfcßen ge-
feßweifter Fläcßen. Dadurch wird den Möbeln die Fäßigkeit des weießen Einfcßmiegens
in den Raum gewäßrleiftet zur unlösbaren Verbundenßeit mit ißrer Umgebung. — Der
Meifter ift naeß diefen beiden Arbeiten unter den Würzburger Kunftfcßreinern an erfter
Stelle zu nennen. Wir geßen peßer nießt feßl, daß er dort aueß beim Bau der bürger-
licßen Möbel eine gewichtiges Wort mitgefproeßen ßat.

Die I n d i f d) e n Miniaturen der Berliner

Von HERMANN GO ETZ / Mit
sieben Abbildungen auf drei Tafeln

M u f e e n

ge naeßdem das braßmanifeße und buddßiftifcße Indien in unferen deutfeßen Ge-


ßeßtskreis gerückt ift, beginnt nun aucß des neueren, des ßinduiftifeßen und

M—4 moslimifcßen Indiens Kultur und Kunft bei uns Verftändnis zu finden. Gerade
aber in dem Augenblicke, da wir den Weg gefunden ßatten zur Seele des Volkes
Cßakurs, den Weg zu feiner Dichtung und zu feiner entzückenden Miniaturen-Malerei,
droßen uns eben die Quellen für die Kenntnis diefer letzteren durch die Entwertung
unferes Geldes zu verfiegen, die es uns unmöglich macht, zu den durch die englifcßen
und indifeßen Geleßrten erfcßloffenen Scßätsen des Britifcßen Mufeums und von Soutß
Kenfington, Bofton und der indifeßen Sammlungen zu kommen. Und doch befifeen wir
felbft diefer Dinge die Fülle. Das lefetßin veröffentlichte Büchlein von Sattar Kßeiri,
wie auch einzelne Auffätje von Sarre und Küßnel haben auf pe aufmerkfam ge-
macht. Und daß dennocß diefe Scßäfee fo unbekannt geblieben pnd, muß man woßl
ißrem Standort zufeßreiben, zumal fie über die vermiedenen Bibliotßeken und Mufeen
zerftreut find, fo wie es der 3ufall des Erwerbs mit ßcß brachte. Die feßönften pnd
fogar unter ungünftigen Umftänden in einer Weife untergebracht, die ißren Wert
kaum aßnen läßt.
Allen voran geßen die Sammlungen Berlins, fo vollftändig, daß fie uns einen wenn
auch nießt lückenlofen, fo docß reichen und umfaPenden Einblick geben in die Seele
und die Entwicklung diefer Kunft von ißrem erften Werden bis zu der 3eit> da pe
unter den Schlägen europäifeßer Verftändnislopgkeit und Induftrie zufammenbraeß.
In die erften Anfänge der indifeßen Miniaturenmalerei füßrt ein kleines Porträt des
Sultans Sßer Sßaß von Deßli, des Bepegers des zweiten Großmoguls Fjumayun im
Mufeum für Völkerkunde, noeß vollftändig perpfcß in der ganzen Darftellungsweife.
Die Bilder diefer 3eit pnd feiten, denn Kriege zerriffen Indien und naßmen der Kunft
die Möglichkeit zum Auffcßwung. Erft als Kaifer Akbar der Große das Großmogul-
reich wieder ßerftellte und durch feine Politik, die in gefeßiekter Weife ein Gleicß-
1 Diefer Raum pel der teilweifen ümgeftaltung des Fjauptßockes dureß Großberzog Ferdinand
v. Coskaria 1805—1812 zum Opfer.

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