Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlungen
Neuordnung der Nationalgalerie
Jußis leitender Gedanke war, diefer bedeu-
tenden Sammlung der deutfcben Kunft des
19. Jahrhunderts nach vielen Proviforien wieder
eine ftabile Anordnung zu geben. Die Abfpal-
tung der leisten vier, fünf Dezennien als felb-
ftändiges „Kronprinzenpalais“, die Einbuße der
Leihgabe Grönvold, die Ausfonderung vieler
Sd)lad)tenftüdce, Bildniffe und minderer Stücke
für Spezialfammlungen und öffentliche Gebäude,
ieihweife Abgaben an Provinzmufeen, fchließlid)
die Ausquartierung der 5andzeicbnungen-Ab-
teilung haben einmal ordentlich Luft gemacht,
fo daß wenigftens der Raum reichlich zur Ver-
fügung ftand. Die hier etwas kraffen Größen-
unterfchiede zwifchen den Sälen und Kammern,
die etwas widerfpenftige Fügung ergaben be-
fondere Schwierigkeiten, aber zugleich doch
auch eigenartige Möglichkeiten. Nun darf man
die Aufgabe einer Mufeumsumordnung nicht
lediglich als eine künftlerifche betrachten, am
allerwenigften heutzutage, da Neuanfchaffungen,
nicht nur von ergänzenden Kunftwerken, fon-
dern fchon von Äusftattungsmaterialien kaum
mehr erfolgen können und die ökonomifchen
Probleme aller Art die wiffenfchaftlichen und
äfthetifchen Forderungen überaus komplizieren.
Jufti hat es [ich befonders angelegen fein laffen,
jede in einem Raum zufammengefaßte Bilder-
gruppe als Ganzes, und zwar als künßlerifcben
Gefamteindruck wirkfam zu machen. Er hat
dies 3iel anderen Gefichtspunkten wie der bifto-
rifchen Deutlichkeit oder der materiellen Über-
fichtlichkeit oder der lehrhaften Eindringlichkeit
des Enfembles übergeordnet, — worüber man
an [ich ja verfchiedener Meinung fein kann;
fo war für feine Anordnung jedenfalls die Frage
der dekorativen Geftaltung von befonderer {Dich-
tigkeit.
Mit befcheidenften Aufwendungen ift nun er-
reicht worden, daß jeder Raum fein individuelles
Gepräge hat- Jede Einförmigkeit ift überwunden.
Die alten Befpannungsftoffe pnd ausgenutjt und
umgefärbt worden; manchmal pebt es wohl
etwas armfelig und verfchoffen aus, aber die
Farbenwahl ift ßets glücklich auf den Grundton
der Kunp eingeftellt, die der betreffende Raum
beherbergt. Ohne größere bauliche Änderungen

und unter Erhaltung aller dekorativ nun ent-
behrlich gewordenen Säulen ufw. durch ge-
flickte Klandteilungen, Proplierungen, durch
herausgezogene Rahmungen für große Formate
und zurückhaltende, nicht mecbanifd) durchge-
führte, fondern in ein und demfelben Raum mit
Rückficht auf das Licht differenzierte Bemalung
der Leiften und Simfe ift das Ganze forgfältig
auf die Klerke und eine gefchloffene, organifdje
ttlirkung hin durchgearbeitet worden. Gerade in
diefer Kleinarbeit, die man leicht unterfcbä&en
kann, iß Vorzügliches geleißet, und man fpürt
überall einen liebevollen Eifer am Klerk, die
anvertrauten Schätze zu voller, ruhiger, reiner
Geltung zu bringen.
Skizzieren wir kurz die Gefamtdispoption.
Erdgefdjoß. Im Veftibül etwas unbefriedigend
Plockhorfts Kaiferbilder und dünnblütige Skulp-
turen. (Sollte fchon nicht mit vollem Aufklang
empfangen werden, fo wäre eine ganz fchmuck-
lofe Sachlichkeit hier beffer gewefen.) Alfo man
durchfchreitet hier Räume für Feuerbach; Lugo,
Dreber, Schirmer (deffen biblifche Landfchaften
gern entbehrt würden); Menzel (fechs Kabinette,
abwechfelnd Gemälde, Aquarelle, auserwählte
Fjandzeichnungen); Marees; Böcklin; Klinger.
Mittelftock: außer den hier ja auch am un-
auffälligften hißorifchen Schinken im üreppen-
haus einige fehr varriiert, in Nifche, als üreppen-
pfoften ufw., aufgeßellte Plaßiken, je nachdem
pe betrachtet fein wollen; hier ferner einige der
Corneliuskartons, erfreulich niedrig gehängt, fo
daß man pe ftudieren kann. Dann im Umgang
des Kabinettkranzes Leibi; Bläfer, Haider; Fran-
zofen; Rayfky, ttlaldmüller; Spitjweg; Berliner;
Blechen; Krüger; Steffeck, I^agemeifter, Schuch;
Crübner. In den beiden mächtigen fallen etwas
durcheinander die Achenbachs, Defregger, Fan-
tin-Latour, A. von Klemer; Keller, Max, Knaus,
Boehle ufw. Im Creppenbaus nach oben
wieder fchreckliche Mammutbilder von Älvarez
und Bendemann, — das Abnehmen koßet ein-
fach zuviel Geld. Oberßock: die Cifchbeins,
Scbadow, Graß, Älengs; Schinkel (zwei Räume);
Friedrich, Richter, Kerfting, Dahl; Genelli, Car-
ftens, gackert, Füger, Fregevize, Bidermann,
Klächter; Düßeldorfer und Bayern; Gurlitt,
Riedel, Peter Becker; Fjintje, Karl Begas d. Ä„
Jul. Hübner; Nazarener; Reinbart, Koch; die
Cafa-Bartholdy-Fresken.

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