Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Neuerwerbungen der Danziger Kunft-
fammlungen 1919—19211 v°n ,H™S R SECKRR> *
1 ° 12 Abbildungen auf 4 Tafeln

I. Gemäldegalerie

Die Umwandlung Danzigs in eine „Freie Stadt“ — Goethe jagt: Das Wort Frei-
heit klingt fo fchön, daß man es nicht entbehren möchte, und wenn es einen
Irrtum bedeutete! — hat mit ihren zalfllofen Begleiterfdßeinungen die öffent-
lichen Kunftfammlungen in den lebten Jahren naturgemäß in den Hintergrund gedrängt
und ihre Entwicklung beeinträchtigt. Wenn dennoch über die wenigen Neuerwerbungen
kurz Bericht erftattet wird, [o gefchieht es, um auch nach außen zu bekunden, daß
trotz der Loslöfung vom alten Mutterlande und der noch mehr als früher befchränkten
Ankaufsmittel hier der Wille weiterlebt, die Mufeen in deutfchem Sinne zu pflegen
und zu fördern.
Die Galerie erwarb diesmal ausschließlich Werke der modernen Kunft. Das alt-
modifchfte von ihnen ift der „Fifchmarkt in Konftantinopel“ (Äbb. 1) von dem mit
Danzig durch feine Vorfahren fo eng verbundenen Paul Meyerheim, der vor einigen
Jahren eine ganze Sammlung von Arbeiten feines Vaters Eduard dem Danziger Stadt-
mufeum vermacht hatte und auch Telbft fcflon vertreten war. Aber diefes kleine Werk
erhebt fid) durch feine Sonne und durch die faft handgreifliche Naturtreue der blutigen
Seefifche fo hoch über den Durchschnitt der Leiftungen des bekannten Ciermalers, daß
es zugleich) einen charakteriftifcßen Beitrag zum deutfcßen Impreffionismus bildet.
Der Danziger Hochfchulprofeffor Fritz A. Pfuhle, cieffen befondere Stärke das gute
Bildnis ift, hat einen Geil des Feldzugs als Kriegsmaler mitgemacht. Aus diefer 3ßit
flammt die Studie „Pferde in Flandern“, die er nachträglich in größerem Maßftabe
ausführte. Mag bei folgen Übertragungen auch etwas vom urfprünglichen Reiz ver-
loren gehen, diefes ordnungslofe Beieinander verängfligter Pferde vor roten Fjäufern
und dazu ein Stück fdjwülen blauen Himmels, ergibt doch einen ganz perfönlichen Ein-
druck vom Erleben jener Schreckenszeit.
Pfuhles bedeutendfler Schüler, Stanislaus Chlebowski, hat fid) in feinem „Still-
leben mit Ente“ (Abb. 2) felbfländig gemacht. Die kecke Farbe und der kühne Strich
geben feinen neueren Arbeiten ein befonderes Gepräge, das die inzwifdjen von ihm
in Paris felbft vertiefte Neigung zur Art Renoirs fd)on vorahnungsvoll bekennt.
Ein ungebärdiges Talent, voll jungenhafter Wildheit und erfrifchend in feiner Hem-
mungslofigkeit, ift der junge Danziger Julius Karl 3ellmann, deffen „Gewitterland-
fchaft“ die ganze brave Bürgertradition der alten Hanfaftadt über den Haufen wirft.
Das große Cemperabild wurde angekauft, um den Malenden in feiner Beherztheit zu
beftärken; er wird das frühe Bild in reiferen Jahren gern gegen ein vollendeteres
eintau fchen.
Bruno Paetfd), der Not gehorchend Lehrer für das Seltnen an einer Danziger
Schule, hat feine „üheetrinker“ dem Mufeum als Leihgabe überlaffen. Ein Werk von
tiefer Nachdenklichkeit und imponierendem Ernft. Stille, in fiel) gekehrte, typifd) nord-
deutfehe Natur kommt zum (Hort, Wahrheitsliebe und verhaltene Leidenfchaft.
Erft das nädffte Dezennium kann Entfcheidung bringen, wer von den drei letztge-
nannten jungen Danzigern des meiften Vertrauens würdig war.
Jefft endlich hat Max Liebermann in die Galerie Einzug halten dürfen, mit einem
„Selbftbildnis“ (Abb. 3) von 1919. (Stiftung Wilhelm Kittier.) Diefes Gemälde ver-
einigt alle Vorzüge in der Kunft des Meifters: weiche, impreffioniftifche Malweife, kul-

1 Diefer Beitrag war feßon vor Jaßresfrift für den Druck beftimmt. Inzwifcßen wurde der Ver-
faffer als Leiter des Mufeums ttlallraf-Richartj nad) Köln berufen. Die Redaktion.

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