Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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ihn [tets an die Natur gebunden und brachte ihn fchnell dahin, den lebten Reft for-
maliftifcher Ctjeorien abzuwerfen. Seitab vom Großftadtgetriebe Berlins, von fteinernen
Mauern und beengender Atmofphäre ßat er feinen (Bohnfits am Sd)lad)tenfee aufge-
fdpagen, deffen tiefes (Baffer durch das Geäft mächtiger Bäume in feine Fenfter blickt.
Diefe ftillen Natureindrücke verwertet der Künftler auf feinen Gemälden. Nicht, indem
er fie einfach) abmalt, aber jeder Eindruck fcßlägt in feiner Seele (Bürzel, aus der dann
eigene 3weige fprießen. Verändert zwar taucht diefe Natur aus dem Erinnerungsbilde
empor, jedocß nicht fo, daß man fie bei genauem Fjinfcßauen nicht gelegentlich) wieder-
erkennen könnte: zur knappften Grundform vereinfacht, nach) großer Gefetjmäßigkeit
verbunden und in eine Farbenwelt getaucht, die fie dem Lichte näher rückt. Man möchte
oft glauben, fie fei nach dem Orient oder gar auf einen andern Stern verfetjt worden.
Fjinter diefer Phantaße aber fteht ein (Birklichkeitsfinn, der mit dämonifch)er Kraft zu
überzeugen weiß. Ein unerfchöpflicßer Reichtum an Motiven tut fiel) vor uns auf. Aus
den landfchaftlichjen Linien geftaltet fich der Menfch. Man ermüdet nicht, diefe intuitive
Präzipon in der Kunft Bruno Krauskopfs zu betrachten, fich von ihrem Sauber durd)
eine Fülle reifer (Berke führen zu laffen. Bald ift es ein Farbton, bald ein kühner
Linienzug, der in überzeugender Schlagfertigkeit den Beobachter mitreißt, ißm feine
eigenen Erfahrungen am Gegenftändlichjen zugunften der künftlerifchen Vißon ver-
gehn macht. Bnd wir blicken hinaus auf die winterlich einfamen Bfer des Schlachten-
fees und fragen uns, woher der Künftler \)\er die Fülle feiner Geftaltungen nahm?
Ift es die Stille, die fie ihm zuträgt? Jene Stille um uns, in der alles Leben in uns
nach Ausdruck ringt?

GotifcßeMeifterwerke der böhmifdjen Bildhauerkunft
Mit sechs Abbildungen auf drei Tafeln Von P. E. VONDOERFER-Prag
III. Ceil (Schluß)
Die gotifcßen Bildwerke der böhmifdjen Richtung befifeen nicht die Mannigfaltig-
keit, die oft faft unüberfehbaren Nuancen der künftlerifchen Gefühlswiedergabe
und die ftets variierenden ted)nifd)en Eigenarten anderer europäifcher Provinzen.
Sie find vielmehr, foweit dies an den zum geringften Beil auf uns gekommenen
Arbeiten feftzuftellen ift, Produkte eines zu gleichartigen Bedingungen fchaffenden
Gewerbes mit faft kategorifch feftgelegten Grenzen, die dem fcljaffensfreudigen Künftler-
willen in der gotifchen Epoche gefeßt wurden.
Nidjtsdeftoweniger macht fich eine merkliche Bypik, ein oft unverkennbarer Sonder-
ftil der Bedjnik und häufig auch ein aus dem Gefamten herausragender Schöpferwille
einzelner Meifterperfönlichkeiten diefer Provinz geltend1. Die gewerbsmäßig ausgeübte
böhmifche Bildhauerkunft der Gotik ift andrerfeits aus dem Volke hervorgegangen und
wahrt ftets den Charakter einer Volkskunft. ,
Indes hat auch der häufig auftretende, fd)einbare Mangel der künftlerifchen Mani-
feftation an überzeugender Breue der (Biedergabe von Begebenheiten aus der heiligen
Schrift und der Darftellung einzelner Fjeiligengeftalten und die an ihre Stelle tretende
Naivität des reinen Kinderglaubens die böhmifche Bildhauerkunft dem fd)lichten Volks-
herzen zugänglich gemacht. Auch Deutfchland verfolgt während der gotifchen Jahr-
hunderte die gleichen künftlerifchen Beftrebungen wie das Nachbarland Böhmen, nur
daß letzteres an feiner Gotik noch viel länger fefthielt, ja fie erft dann gänzlich auf-
gab, als in anderen Ländern die erften, wenn auch zaghaften Merkmale des Barock
auftauchten. Selbft in der Blütezeit der böhmifchen Gotik waren die Plaftik und die

1 Daß uns fold)e Perfönlid)keiten nicht überliefert wurden, habe ich bereits im II. Beil dargetan.
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