Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Maria fteht auf der apokalyptifdjen Mondficbel. Der Mantel wird von der Rechten
leicht gerafft; ein Cuch ift um das 5aupt gefdjlungen, das von f)aarwellen umrahmt,
in ftiller Anmut zu dem Kinde gewendet ift. Diefes, ein entzückender Bambino, fi^t
auf dem linken Arm der Mutter und fpielt mit ihrem Kopftuche. Ein folches Kind gibt es
nur nod) auf dem Arme der Sterzinger Maria, ünd wenn man nun die beiden Stand-
bilder 3ug für 3ug miteinander vergleicht, fo ift kein 3weifel — die ebenmäßige Stirn,
die Wellung des ßaares, der leife lächelnde fcßmale Mund, die fci)lanken Finger ver-
raten es, wie die eigentümlich weiten Falten der Gewänder mit ihren Röhren und den
großen Wellen der Säume: das neue Bildwerk ift eine eigenhändige Schöpfung Mult-
fchers, der Sterzinger Maria noch näher verwandt als die Landsberger Mutter Gottes.
Das Bildwerk foll bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Kirche von Billa-
fingen geftanden fein. Damals wurde es von den Voreltern der bisherigen Befi£er cr.
worben und mit einer neuen Faffung verfehen, die von der mittelalterlichen leider kanm
eine Spur übrig ließ. So teilt die Figur das Mißge[d)ick faft aller Multfcherbilder, daß
fie die urfprüngliche farbige Schönheit eingebüßt \)aben. Aber auch fo noch vermittelt
diefe Figur eine eihebliche Bereicherung unferer Kenntnis Multfchers, mehr noch als
das bisher gleichfalls noch unveröffentlichte mächtige Gnadenbild von Matia-Mödingen,
das Multfcher gewiß nicht fernfteht, jedoch die Fjand eines eigenwilligen Werkftatt-
gehilfen verrät1.

Ein Äpfel ft illeben von Lovis Corinth

Von GEORG BIERMANN

Mit einer Tafel


ie Kunft eines Malers hat ihren lebten Prüfftein immer am Stilleben. Die fogenannte


tote Natur („nature morte“ — wie der Franzofe mit richtigem Inftinkt fo trefflich

fagt) lebendig zu machen, an ihr die Intenfität der Farbe zu erproben und dem
zuckenden Pinfelftrich jenen neufchöpferifchen Reiz zu entlocken, der aus dem Coten
das Lebendige erweckt, ift die wahre Aufgabe aller Stillebenmalerei.
Selbft der Kubismus, der feinen rationaüftifchen Inftinkten nach immer „nature morte“-
Malerei gewefen ift, verfucht durch Rhomben, Prismen und Pyramiden hindurch noch
den letzten COeg zu finden, das einmal Cote mit dem FJaucl) neuen Lebens zu verklären
und aus geometrifchen Gegebenheiten, die errechenbar fcheinen, aber doch nur gefühls-
mäßig begriffen werden können, eine innere Cotalität von ewigem Sein aufzubauen.
So fehr er [ich in diefem Bemühen fcheinbar auch von der Natur felbft entfernt, in
Wirklichkeit bedeutet die von ihm erfundene Methode des kubifchen ümbaus nichts als
letzte 5uldigung vor den einmal gegebenen natürlichen Einheiten unferes formalen und
äfthetifchen Begriffsvermögens. Setjt man aber den fogenannten Naturaiiften unter den
Malern (und diefer Begriff trifft auf eine fo göttliche Schöpferkraft wie die eines Lovis
Corinth beftimmt nicht zu) mit den Kubiften vom Schlag eines Gleizes oder L£ger in
Parallele, dann muß man ohne weiteres anerkennen, daß je nach der befonderen Art
der künftlerifchen Einfteilung der Gefid)tswinkel, unter dem Kunft als fchöpferifche Cat
des einzelnen erkannt wird, gar nicht fo weit von dem des Anderen differenziert. Dem
rein verftandesmäßigen Verlangen des Einen, die tote Natur mit F)ilfe geometrifcher
Formen und rein malerifchen Klangfkalen in die Einheit künftlerifcher Harmonie von
ewiger Dauer zu verfemen, fteht die Fülle freudiger Bejahung des Anderen gegenüber,

1 Diefes Muttergottesbild, deffen Photographie durch Dr. Stoedtner in Berlin zu beziehen ift,
wird in einer großen Arbeit des Cübinger Seminars ausführlich gewürdigt werden.

Dar Cicerone, XV. }sl)rg., lieft 3

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