Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Neu erworbene Bilder von Schnorr in der

National-Galerie

Erläutert aus seinen Briefen von LUDWIG JUSTI
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel

(Fortfe&ung aus ßeft 5)


fd)udi brachte zuerft ein Ölgemälde von Schnorr (dem Oheim feiner Mutter) in die

National-Galerie: die Verkündigung (f. Äbb.), ein koftbares Klerk, 1820 für den

Dresdner Sammler Baron von Ampad) gemalt, der eine ganze Folge von Bildern
bei den Nazarenern beftellt hatte; Schnorr, mit der Beaufpd)tigung und gefd)äftlid)en
Durchführung diefes Sammler-Äuftrages betraut, hat unendliche Schererei damit gehabt. Äus
jenen römifchen Briefen Schnorrs erfahren wir Näheres über die Entftehung des KJerkes und
vor allem über dieAbpcl)ten des Malers, die Schwierigkeiten, die er empfand und erkannte.
„Meine Beftrebung“, fo fd)reibt er, „foll keineswegs darauf gerichtet fein, meinem Bilde
ein günftigeres Urteil zu erwecken, als es bereits erhalten hat. Es ift nur zu fehr gelobt
und gerühmt worden. Dies allein fei mein 3wedc, Eud) zu zeigen, daß ich nicht
ohne Nachdenken, ohne reifliche Überlegung gearbeitet habe“. Er fpricht dann von
der Notwendigkeit, aus den drei Heilen der Begebenheit zu wählen oder pe zufammen
zu faffen, von der Unzulänglichkeit feines Calents „zur Darftellung folcher Gegenftände
überhaupt, oder vielmehr der folchen Gegenftänden noch wenig angemeffenen Ver-
faffung meines Innern, die mir erft klar ward, da es fd)on zu fpät war, den Auftrag
abzulehnen, und einer daraus ganz natürlich fließenden Scheu vor der Darftellung
eines Momentes, der die Quinteffenz aller 3artheit und Heiligkeit felbft ift“. Be-
zeichnend ift es, wie er in feiner feelifchen Haltung die wefentlichen Schwierigkeiten
peht. Aber er fd)ließt: „daß ich doch fehr froh bin, daß mir gerade diefer Gegenftand
gegeben worden. Ich habe durch diefe Aufgabe große und wichtige Auffd)lüffe über
die heilige Kunft und über mein Verhältnis zu ihr erhalten, pe ift mir eine Chüre ge-
worden, die mich in die Vorhallen der wahren, einzig echten Kunft geleitet hat. Kleil
pe mich demütigte, hat pe meine Sehnfud)t nach dem tUahren verftärkt, neuen Eifer
und vermehrte Beftrebung erweckt“. Später erkundigte er fiel) dann noch einmal: „Schreibe
mir doch auch ein wenig, wie es meiner Verkündigung geht, wie pe aufgeftellt ift und
ob pe bisweilen jemand peht“.
Neben der Verkündigung und dem Bildnis der Frau v. Quandt als Lautenfpielerin
hängt nun ein drittes Gemälde jener frühen römifchen Jahre Schnorrs in der National-
Galerie — als Leihgabe, aber hoffentlich für längere 3eit — auch dies von Quandt
beftellt: ein Bildnis der berühmten Engelfd)önheit von Albano, der Güinzerstochter
Vittoria Caldoni. Dies Meifterwerk ift aus Jordans Befitj in eine Berliner Familie
gekommen, wo es hoch in Ehren gehalten wird. Die Haltung und der Ausdruck des
Mädchens, die Landfchaft mit dem Blick über Albano, die Farbe, die handwerkliche
Durchführung, alles atmet den keufd)en 3auber jener jugendlich-ehrfürchtigen Kunft.
Aus Schnorrs Briefen an feinen Vater und an Quandt erfahren wir, wie er pd) mit
dem Bilde gequält hat, das fo einfach gewachfen fd)eint. Schon für die Sitzungen galt
es Schwierigkeiten zu überwinden, „welche aber wahrlich nid)t in der Art ihrer Schön-
heit liegen (denn pe ift die fd)önfte Art von Schönheit, die mir noch vorgekommen; pe
ift wie eine Blume anzufehen, die am ftiilften Ort, von Klind und Kletter unberührt, aus
der Erde gequollen ift), fondern darin zu fuchen pnd, daß fich’s Redens fehr viel Geld
haben koften laffen, die Eltern des Mädchens dahin zu vermögen, ihre Cochter von
niemand mehr malen zu laffen, weil mit Recht zu fürchten ift, daß das Mädchen, jetjt
noch ganz rein und unverdorben, ihrem Verderbnis entgegen gehe, wenn jeder pd)
die Erlaubnis, pe zu malen, erkaufen kann, ünd Redens würden pd) die Schuld von
dem Verderbnis des Mädchens zufchreiben, da pe die erfte Veranlaffung gegeben haben,
alle Kielt auf diefe Schönheit aufmerkfam zu machen. Aud) ift es wahr, daß Overbeck

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