Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Stid) ftark beeinflußt ift. Auch auf dem Kupferftid) p£t ßieronymus am Schreib- und
Lefepult und ift im Begriffe, dem Löwen den Dom aus der Cafee zu ziehen, nur kommt
der in Fjaltung und Größe faft ebenfo geftaltete Löwe hier von rechts, während er auf
dem Gemälde von links erfdjeint, was eine andere üüendung des Kopfes und Ober-
körpers des Fjeiligen und aud) eine harmonifchere Raumfüllung zur Folge hat. Im
übrigen ßnd der Kopf, die ßaltung der linken Fjand und das Gewand, wie es pd)
fpitjwinklig von links oben nad) rechts unten fdjiebt, auf beiden ÜJerken fehr verwandt.
Die Raunigepaltung ift auf dem Stid) noch keineswegs gelungen. Der Künpler gibt
den Einblick ohne rechte 3ufammenfaffung. Demgegenüber bringt der Maler des Kölner
Bildes den Raum ganz anders zufammen. Klie die Flamen bedient er pd) dabei einer
ard)itektonifd)en Umrahmung mit Figurenfchmuck, und die perfpektivifdje Raumlöfung
gelingt ihm bereits ziemlid) gut. Auf dem Ulandbrett, wo der Kupferftedjer nod) Kannen,
Bücher, Leud)ter u. a. in wildem Durcheinander herumßehen und -liegen läßt, fd)afft er
Ordnung, er teilt es in zwei Ceile und beginnt dabei mit der gleichen Kanne, womit auch
der Kupferftecher begonnen hat. Diefe Anlehnungen des Kölner Bildes an den Kupfer-
ftid) und zugleid) der unverkennbare ültlle des Malers von dem Stecher abzuweichen und
etwas Befferes zu geben, pnd gewiß nid)t die kleinften ürfacheri, weshalb das Bild,
wie Foerfter treffend bemerkt, fo „ßockend-mühfarri“ gemalt erfctjeint. Aus allem ergibt
pd) aber aud), daß wir es bei dem Kölner Bilde mit einem Meifter zu tun haben, der
unter fo ftarkem niederländifd)en Einßuß ftand, wie wir ihn bei Lod)ner nicht kennen
und wie er gewiß für ihn zu Anfang feines Kölner Schaffens undenkbar ift. Nad) den
Bildern, die il)m mit Sicherheit zuzufd)reiben pnd, ift Meißer Stephan vielmehr dem
Eindringen des niederländifd)en Naturalismus bis zu feinem Code ein Hemmnis gewefen.
Es dürfte nach alledem ausgefchloffen fein, daß das Kölner ßieronymusbild aus Locßners
ßand hervorgegangen ift.

Ein Muttergottesbild von IJans Multfctjer

Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln

Von J ULI US BAUM

ultfchers bildnerifcher Spätftil wird durch die Bildwerke des Sterzinger Altars


beßimmt. Die 3al)l der erhaltenen Schöpfungen, die diefen tüerken gleichen,

**• " ■*■ ift fet)r gering. Marie Schütte hat ü)nen zwei kleine aus Fjeiiigkreuztal ßam-
mende Figuren in der Rottweiler Lorenzkapeile, ßalm die Landsberger Muttergottes
anreil)en können. Nennen wir nod) den dCIettenhaufer Palmefel von 1456, fo ift der
Nachweis aller fpäteren Bildwerke Multfchers erbracht. Von diefen eigenhändigen
Arbeiten unterfd)eidet pd) das Schulgut merklich. Viele Bildhauer waren in der üüerk-
ftatt Multfchers befchäftigt — die Altäre von Scharenftetten und Oberftadion und eine
Fülle von Einzelfiguren pnd tüerkftattgut —; ihr Stil nähert pd) dem Stile des Meifters,
aber die Qualität ihrer Leitungen bleibt hinter der Güte der eigenhändigen Schöpfungen
Multfchers weit zurück.
Aber unendlich ift der Reid)tum an Bildwerken, die in den alten Bauernl)äufern
Oberfd)wabens verborgen pnd. CInd wenn aud) die meißen nur Durd)fd)nittsleißungen
ßnd, es kommen doch immer nod) ganz große Kunftwerke zum Vorfcßein. Aus einem
Bauernhaus in Mittelbiberad) ßammt die Gruppe leidenfchaßlid) trauernder Frauen, die
heute dem Berliner Kaifer-Friedrid)-Mufeum gehört. In einem Bauernhaus in Fjaslad)
fand pd) die trauernde Maria, die Lill im Augußheß des Cicerone (Jal)rg. XIV) ver-
öffentlicht hat- ünd in einem Bauernhaus in der Nähe von ülm ftand bis vor kurzem
das herrliche 1,15 m hohe Muttergottesbild, das hier zum erftenmal veröß'entlidjt wird.

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