Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ein neuer Leinberger

Von HUBERT W1LM
Mit zwei Tafeln

In unferen großen deutfd)en Mufeen kann einer, der fid) die Mühe macßt, die an den
Kunftwerken angebrachten und durch jahrzehntelange Cradition geheiligten Schildchen
in einzelnen Fällen zu bezweifeln, heute noch erftaunliche Entdeckungen machen.
Das hat wohl feinen Grund darin, daß das Intereffe der meiften Forfcher weniger den
einmal in öffentlichem Befitj befindlichen, längft beftimmten und damit abgeftempelten
Kunftwerken gilt als vielmehr den neu auftauchenden, bislang unbekannten Stücken,
bei deren wiffenfd)aftlid)er Bearbeitung die Äusfid)t, fid) mit Ruhm zu bedecken, außer
allem 3wcifel fteht.
Die einmütige 3uftimmung zu zwei Neuzuweifungen in feiner Arbeit über die Plaftik
des Germanifchen Mufeums1, die der Verfaffer von feiten maßgebender Fachgelehrter
gefunden hat, ermutigt ihn, heute einen neuen Fund bekanntzugeben, deffen Ver-
öffentlichung bei Abfchluß des untenerwähnten Buches noch nicht fpruchreif war.
Es handelt fiel) um die Lindenholzfigur eines geflügelten Puttos im Germanifchen Mu-
feum zu Nürnberg.
Das kleine Bildwerk ift freiplaftifd) ausgeführt und mißt 35 cm in der Fjöhe. Im
Mufeum wird es als fchwäbifch?, verwandt mit den Arbeiten Adolf Daud)ers (Augsburg
1470—1523), bezeichnet2 3 4. Nun hat diefe 3uweifung, trotzdem fie mit einem Frage-
zeichen verfehen ift, vieles für fid). Die 3eit» erftes Viertel des 16. Jahrhunderts
ftimmt, und die Vorliebe Dauchers, fowohl für nackte als auch für bekleidete Putten,
ift bekannt. Außerdem ftehen, als Bekrönung zweier Säulen, auf dem Steinaltare
Daucßers in Annaberg, zwei fd)ildl)altende Putten, die, was die Gewandung und die
Kopfbedeckung anlangt, dem Nürnberger Putto fehr ähnlich fehen. Den Fjauptteil diefer
Ähnlichkeit aber darf man getroft dem Motiv einerfeits und dem 3eitftiel andererfeits
zufd)reiben. Denn der mulattenhafte Schnitt des Kopfes des Nürnberger Puttos, in-
fonderheit feiner Augen und feines Mundes, bliebe im Klerke eines fo fehr dem Schön-
heitsideal der Renaiffance zugewandten Künftlers, wie Daud)er, ein ganz vereinzelter,
unerhörter Ausnahmefall. Um die breite Kluft zu ermeffen, die, im Motiv ganz ähn-
liche Puttenköpfe Dauchers von dem Kopf des Nürnberger Puttos trennt, braucht man
nur die beiden Steinputten Dauchers8 im Münchener Nationalmufeum zum Vergleiche
heranzuziehen. Auch der, an fleh, naheliegende Gedanke an Peter Flötner als Ver-
fertiger des Nürnberger Puttos darf aus dem gleichen Grunde, wegen des Gefid)ts-
typus*, von der FJand gewiefen werden.
ödem ift nun diefer Putto zuzuweifen? Der Gefid)tstypus weift auf den nieder-
bayerifd)en Meifter Fjans Leinberger. Vor allem der Kopf des Kindes der großen
Muttergottes in der Martinskirche zu Landshut5 * wäre lher zum Vergleich heranzu-
ziehen. 3eitlid) und ftiliftifd) paßt der Putto ebenfalls in das öderk Leinbergers, ob-
wohl feine Beurteilung durch die ftark entftellenden Ergänzungen fehr erfd)wert wird.
Von der ganzen Figur ift nur der Kopf, der rechte Arm mit der Fjand, die Bruft und
der linke Flügel original. Der linke ünterarm, der linke Fuß, der rechte Flügel und
die Standplatte find merkwürdig plumpe, moderne Ergänzungen. Der Bruftpanzer,
der Rock und der rechte Fuß find, allem Anfcßeine nach, fpäter überfchnitten. Kleid)
1 Vgl. ttlilm, Mittelalterliche Plaftik im Germanifchen Nationalmufeum zu Nürnberg. München
1922, Seite 40, 95, Cafel 72, 73 und 95.
2 Vgl. Jofephi, die tüerke plaftifdjer Kunft im Germanifchen Mufeum Nürnberg. Nürnberg 1910,
Seite 296, ohne Abbildung.
3 Vgl. Gröber, Schwäbifche Skulptur der Spätgotik. München 1922, Seite 91, Abbildung 102.
4 Vgl. Vöge, Die deutfehen Bildwerke. Berlin 1910, Seite 96, Nr. 199.
5 Vgl. Feulner, F)ar*s Leinbergers Moosburger Altar. München 1923, Cafel 8.
Vgl. tUilm, Fjans Leinberger, in „Kunft für Alle“. München 1923, Juniheft, Seite 268 ff.

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