Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Das „Schweigen im üHalde“ von Vincent van Gogh

Mit einer Tafel Von TEWES-Madrid


Diefes bisher unbekannte Bild, eines der eigenartigften derke van Goghs, das vor
kurzem in Madrider Privatbeptj gelangt ift, gehört in der Produktion des Künftlers
zu der geringen 3al)l [einer rein imaginativen Schöpfungen. Kein 3weifel, daß das

bekannte Böcklinfche Bild die Anregung gab — wenn vielleicht aud) nur in blaffer Er-
innerung —, denn van Gogh, mit [einer Sinnlichkeit den unzulänglich verarbeiteten Stoff
mächtig durchdringend, wußte ihm durch die Kühnheit der Interpretation jenen Gehalt
zu verleihen, der Böcklin in [einem Streben nach Naturwirklichkeit verfagt bleiben
mußte. Böcklins im Grunde genommen armer Phantaße fehlte das Äffoziationsver-
mögen und damit jene viponäre Kraft, die weit über die bloße Idee hinaus, alle
Elemente der Darftellung dazu heranzieht, den Beßhauer in die vom Künftler durch-
lebte Stimmung zu zwingen. dährend Böcklin das ganze Intereffe auf den theatrali-
fdjen Effekt des Fabeltieres, das er mit aller Sorgfalt ausführt, befchränkt, taucht van
Gogh die geifterhafte Erfd)einung [einer rothaarigen nächtlichen Reiterin unter den
hohen Kiefern in eine einzige, aufs höchße geßeigerte und variierte Skala von dunkel-
grün, blau und violett, gleichfam als wollte er damit jene Depnition der Kunp be-
[tätigen, wie ße auf einem Skizzenblatt Delacroix’ zu lefen ift: l’art c’est l'exageration
ä propos. So [uggeriert er uns in unvergleichlicher deife jenes Geheimnisvoll-Be-
klemmende dunkler Cannenwälder und verftärkt diefen Eindruck noch durch die blutige
Mondpdjel, die als einzige Helligkeit rechts über den dipfein auffteigt und mit ihrem
unheimlichen Schimmer das ganze Bild in taufend Reßexen durdjriefelt.
Die Malerei, nicht übermäßig paftos und eher großPädjig mit kühnen Umrandungen
vereinfachend, deutet auf die mittlere 3ei* in Ärles hin, wo ihn die üheorien Gauguins
und Bernards befchäftigten, denen vielleicht überhaupt die Entftehung des Bildes zu
danken ift.

Hans Cljoraas Landfdjaft bei Viterbo
Mit einer Tafel Von GEORG BIERMANN

Wie [ehr Kunßgefdpchte einen [tändig in Fluß befindlichen Prozeß der Urteils-
revipon darftellt, beweift vielleicht am [djlagendften der Fall ül)oma. die
anders erfcheint uns heute diefer Patriarch der neuen deutfdjen Malerei, als nod)
vor etwa zehn Jahren. Damals wurde er als Symbol deutfdjen defens gefeiert, als
der Malerpoet von Leuten propagiert, die ohne Literatur Kunft überhaupt nicht ver-
ftehen. Heute dagegen zeigt es pd), daß all das, was man dem fchlidjten Schwarz-
waldfohn angedidjtet, mit [einer Malerei nur mittelbar im 3ufammenhang pept, ja es
wird immer mehr offenbar, daß all die Dinge, auf die pd) die lauten Lobgefänge von
damals vornehmlich bezogen, keineswegs die Meifterftüdce in diefem [d)affensreid)en
Leben bedeuten, und daß die Epoche des „Philofophen“ und „Klafpziften“ Choma in dem
derk des Meißers gegenüber [oviel reineren Schöpfungen eine durchaus untergeordnete
Rolle [pielt. Denn Chomas Größe — fo will pe uns jetjt erfcheinen — liegt nicht in
der Reßexion des dichterifchen Geiftes, noch weniger in all dem Sentimentalißhen, das
deutfdje Gemüter fchled)thin bewegt, [ondern in der reinen und großen Unbefangenheit,
mit der er Gottes Natur, und in diefer die deutfche Landfehaß an erßer Stelle, aus
dem Spiegel [einer Seele heraus dem Betrachter offenbart hat Das Höchfte [einer Kunß

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