Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Friedlichkeit und Aufruhr, in alltäglicher Sorge und banaler Begeiferung, die Dore,
Grandville, Beaumont, Bertall. ünd wie Gavarni allzuleicht die Boheme fcßildert, die
„jeunesse doree“ und die heitere Kielt ihrer Grifetten und Abenteurer, fo geißelt
Daumier Bosheit, Lafter, Leidenfcßaft und üJaßnwiß, ftets Scßickfalßaftes in die Schatten
[einer Fjolzfcßnitte oder die tonigen Liefen feiner Steinzeichnungen verfenkend. Ingres
ift bezaubert von der gewachsenen, jahrhundertelang kultivierten Vornehmheit, Dela-
croix, von kaiferlichem Geifte entzündet, kündet farbenglühend das verfunkene Pathos
von Kraft, Männlichkeit und heldenmütigem Rittertum. Schließlich der Baron Caylor
verficht es mit einem ganzen Stab von Landfchafts- und Ärchitekturlithographen, in
feinem großen Reifewerk, den „Voyages Pittoresques et Romantiques dans l’Ancienne
France“ das mittelalterliche Frankreich und feinen ganzen Reichtum von Tradition und
Kultur zu erfaffen, von deffen Geift und deffen Kräften die Romantik zu leben glaubte.
Aus diefem Kreife ift es befonders Ifidor Laurent Deroy, der in feinen Parifer Anßchten
viel von der eigentümlichen Stimmung der unergründlichen Stadt aufgefangen hat.
önd Eugene Ifabey, Fjuet, Chapuy, Monthelier und der Engländer Bonington verftehen
die Ausdrucksmittel der Lithographie auszunütjen, indem fie in zarten Cönen vom
feinften Silbergrau bis zum weichen chineßfchen Schwarz die Valeurs einer romantifcß-
lyrifchen Landfchaft fefthalten. Damit ift in großen 3ügea die Atmofpßäre jener Ro-
mantik angedeutet, in deren Bezirken Meryon während feines ÜJerdens gefehen und
geatmet hat. Indeffen wie der romantifche Genius eines Balzac an den Grenzen von
dunklem Mittelalter und [chimmernder 3ivilifation eine Kielt fchaffen konnte, der es
über alle räumlichen und zeitlichen Schranken hinweg gegeben war, Mythos zu werden,
fo ift auch für Meryon die Romantik nur als Herkunft, beffer noch im Sinne der No-
valis, Cßoluck und Baader bezeichnend. Ein Blutsbruder Baudelaires wurde Meryon
genannt und als folcher ift er ein Symbolift; er gibt dem Endlichen einen unendlichen
Schein; denn er fieht in der Stadt Paris mehr als die bloße Stadt. Er [ießt aufge-
häuft in Paris eine Menfcßheitsgefcßicßte mit der ganzen Gewalt ißrer kosmifcßen
Hintergründe.
Aus dem neueften Band (XI) der „Meipter der Graphik“: Goesta Ecke, Meryon. Verlag
Klinkßardt & Biermann. Leipzig 1923.
Der Graphiker Robert Michel

Mit sechs Abbildungen Von ECKART v. SYDOW


Tja . . ., das ift eine ßöcßft kuriofe Angelegenheit: wo fonft faß ich fcßon einmal
all dies merkwürdige Durcheinander von Affen und Sonnenuhren — Raucher
und Eifenbaßn, Pferd und 3e>gerwcr^ — Känguruh, Schachbrett und 3immer-
flucßt ... Sonderbar, fonderbar! ünd dennocß nicht fo ganz, wie es zuerft fcßeinen ...
möcßte. All dies verflixt wirre 3eu9 if doch einigermaßen einer äftßetifcßen Ordnung
untertan. Einfache Größe der Fjinftellung fpreitjt den Mafcßinenmann oberhalb des
großen und kleinen Bärchens, läßt den Riefenfifcß mit entblößtem Mafcßinen-Innenteil
parallel von zwei anderen kleinen Fifcßcßen begleitet werden, verfcßlingt die Körper
der Pferde miteinander zu arabeskaler Ornamentik.
Das Eigentliche an Micßels Kunft ift freilich das 3ufammenfein von Natur und Ma-
fcßinentum, — oßne daß es zwifcßen beiden Elementen zu einem wahrhaften Aus-
gleich oder Angleich käme1. Sie wollen miteinander verfcßmelzen, haben fich irgendwie
1 In diefem Kernpunkt der Ausführungen des Verfaffers find wir allerdings anderer Meinung.
GUir feßen in den Blättern Middels eine größere Einheit als v. S., vollends, da Michel der Mafcßine
auch als Praktiker naßefteßt. Aber diefe Verfcßiedenßeit der Meinungen beweift nur wieder,
daß ein abfd)Heßendes Urteil über zeitgenöffifcße Kunft nicht möglich fcßeint und Anpcßten an
feine Stelle treten. (Red.)

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