Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Statius von Düren und die Lüneburger
Terrakotten der Renaiffancezeit'
Mit fünf Abbildungen auf zwei Tafeln Von JOHN EIMERS
In der eingehenden Ärbeit über die Lüneburger Renaiffance-Terrakotten von ßans
Schröder1 2, die in dankenswerter Cüeife eine nahezu lückenlofe Folge des intereffanten
Stoffes bietet, wird in überzeugender Kleife der Nachweis geliefert, daß in Lüne-
burg eine Terrakottafabrikation auf der Grundlage einer gotifdrjen Tradition fid) feit
dem Jahre 1543 bodenftändig entwickelt hat- Schröder, der diefe Fabrikation mit der
in Lüneburg urkundlich nachweisbaren (ilerkftatt des Fjans Fhafe in Verbindung bringt,
weift im Verlauf feiner ünterfuchungen auf die fonderbare Tatfache der Übereinftimmung
zwifchen einer Reihe von Lüneburger Terrakottaausformungen mit folgen der Lübecker
ttlerkftatt des Statius von Düren hin und [teilt nun die Frage nach der Beziehung
zwifchen beiden ÜUerkftätten. Da die erfte urkundliche Nachricht über das Beftetjen
der Lübecker ÜUerkftatt erft vom Jahre 1551 datiert, in Lüneburg fid) die mit den
Typen des Statius von Düren übereinftimmenden Äusformungen bereits 1546 nach-
weifen laffen, fo kommt Schröder zu dem Ergebnis, daß die Terrakottakunft Nord-
deutfcßlands von Lüneburg ihren Ausgangspunkt genommen und befonders einen Teil
der Lübecker Arbeiten beeinflußt habe. Gegen die Sd)röderfd)en Ausführungen find
aber verfd)iedene Momente geltend zu machen, die geeignet find, die Auffaffung von den
Beziehungen der beiden tüerkftätten zueinander erheblich zu verfd)ieben und die Stellung
der Terrakottakunft des Statius von Düren innerhalb der Gefamterfcheinung der nord-
deutfchen Terrakottaarchitekturen in einem wefentlid) anderen Lichte erfd)einen zu laffen.
3unäd)ft darf die Tatfad)e nicßt überfehen werden, daß die medaillonartig von Ton-
fteinkränzen eingefaßten Bruftbilder und fonftigen Darftellungen in Lüneburg, foweit
fie mit den Lübecker Ausformungen übereinftimmen, fämtlid) kleiner als die in Lübeck
hergeftellten Terrakotten find. Ferner muß als feftfteßend gelten, was in den Scßröder-
fcßen Ausführungen nicht berückfichtigt wurde, daß die Terrakotten des Statius von
Düren bereits an dem Schloß Bothkamp in Fjolftv in zur Verwendung gelangten, das
der Feldmarfchall und Statthalter von Schleswig-Fjolftein, Johann Ranßau, in den vier-
ziger Jahren erbauen ließ. Er Y)q\\z das Gut Bothkamp im Jahre 1538 gekauft und
wird bald danach mit dem Bau des Sdjloffes begonnen haben. Jedenfalls war es
bereits 1545 bewohnt, wie von Bothkamp aus datierte Briefe des Johann Ranßau be-
zeugen3. Keinesfalls aber ift es fpäter als 1547 fertiggeftellt gewefen, denn diefe
Jahreszahl ift einem lateinifcßen Gedicht beigefügt, in dem der Dichter das Schloß felbft
feine eigene Schönheit preifen läßt4. Leider ift der Bau nicht erhalten. Eine dürftige
3eid)nung5 läßt zwar die dort durchgeführte Renaiffancegliederung erkennen, ift aber
zu undeutlich, um auf die Verwendung der Terrakotten fichere Schlüffe zuzulaffen.
Doch find an einem Bauernhaufe in dem nahe gelegenen Dorfe Kird)barkau fünf
Terrakotten angebracht, die — daran dürfte nicht zu zweifeln fein — von Bothkamp
ftammen. ödenn wir mit Schröder als 3ekpunkt des Beginnes der Lübecker öderkftatt-
tätigkeit erft das Jahr 1551 fefeen, fo müffen wir annehmen, daß die Terrakotten des
1 Die vorliegende Arbeit ift hervorgegangen aus einer Controverfe in den Übungen, die Prof.
Dr. Stettiner an der Fjamburgifd)en üniverfität abbielt. — Eine eingebende Behandlung der Statius
von Düren Frage und ibrer Probleme, die die b'ier mitgeteilten Ergebniffe in einen größeren 3U~
fammenbang [teilt, wird im dritten Band von „Nordelbingen“ erfcbeinen.
2 Vergl. Cicerone, 15. Jabrg., Heft 2, ian. 1923, S. 90 ff.
3 5- Rabtjen, Johann Randau und Fjeinricb Rantjau. Kiel 1862. S. 50/51.
4 Vergl. Menniges, Genealogia aliquot familiarum nobilium in Saxonia. S. 39.
5 Abbildung bei Pfenniges, Genealogia. Vergl. auch Schröder, Darftellungen von Scblöffern und
FJerrenfitjen der Herzogtümer Schleswig, Fjolftein und Lauenburg. Hamburg 1862. S. 20.

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