Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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germann F)über

Von ERWIN POESCHEL / Mit
acht Abbildungen auf vier Tafeln1

3 ift immer noch ein Reft des Glaubens an ein klafflfches Ideal, wenn der fcFjwei-


zerifchen Kunft gerade da, wo fie am edfleften ift, oft nur mit refpektvoller

Ächtung begegnet wird. Durchgangsland nach Beftimmung der Lage, von den
aus größeren Kulturbecken ßeranbrandenden (Hellen befpült, zwar durch) einen zentralen
ftaatlidjen Gedanken geeint, jedoch verfcFfledenen Stammes, ift die Schweiz nicht der
Boden, wo in Weiterer Selbftverftändlicßkeit ßefperifcße Frucht gedeiht. Vielmehr ift
ihre uralte Sendung, im (üirbel der aufeinanderprallenden Künde zu flehen, das Gegen-
fätflidje zu verzahnen, die Not der Spannung zwifcßen Polaritäten zum Ägens feines
geiftigen Lebens zu machen. Der nie ganz aufgelöfte Reft zwifcßen den Gegenfat^-
paaren — mögen fie weifet) und deutfcl), romanifd) und germanifd), füdlict) und nörd-
lich heißen — diefes Refervat der ünerlöflheit, das ift vielleicht der intimfte Reiz einer
Kunft, die unter folcher Konftellation geboren.
Die Vermifchung von Gegenfätflictjem macht auch den 3auber der Landfchaft aus
die Fjuber in den lebten Jahren zum Raum feines Schaffens gemacht. Innere Klahl-
verwandtfchaft mag den 3ürct)er — vordem weit umhergetrieben, in Paläftina, in Algier,
in Italien und Frankreich — dem Bündnerland und hier befonders dem oberen Prätigau,
der Gegend um Klofters, verbunden haben, wo Sanftes fiel) mit Fjerbem verbindet zu
einem jungmännlichen Gepcht. Kler aus der Anmut des Bodenfeebeckens und der aus-
ladenden Fruchtbarkeit des Rheintales fu^fler kommt, der ßei)t eine ftrenge Kielt
von dramatifch getürmtem Fels und Firn; wer aber von weiter oben herabfteigt und
etwa die urwelthafte Einfamkeit des Engadins noch im Gefühl hat, der fpürt fiel) vom
erften Gruß der Ebene mild berührt. Junges Laub leuchtet und im dichteren Gras
ftehen weiß die erften blühenden Bäume, Und das: in einem Sinn, den es nach Än-
mut, nach lgrifcher Fjingabe und Eräumerei verlangt, diefes Gran FJärte, diefes: es nie-
mals zu leicht haben wollen, das ift das 3ei(t)en der Kunft Fjubers.
Denn von den erften Anfängen an zeigte fiel) bei diefem Maler (der damals noch
ftärker ein 3eid)ner war) eine erftaunlid) frei fließende Begabung, eine ganz feltene
Ergiebigkeit des Ealentes, dem nichts verfagt fchien. Die Leichtigkeit der Fjand verlockte
zu vielen (Handlungen der Schrift; Landfcflaften, Menfcflen, vergangene Epochen ge-
ftalteten im Klechflel der Jahre und der Berührungen feine Mittel, manchem wohl fchien
er ein Menfch mit vielen Masken; aber fleht man heute dahinter auch in diefen Seiten
fein Gefleht, fo findet man in den vom Faltenwurf der Beuroner Schule umhüllten Ge-
ftalten der Jerufalemer 3eit wie in den gotifch anmutenden Knaben auf dem Limmat-
fteg als Eigenftes gleicherweife jene merkwürdig anziehende, all feinen Geftalten immer
bleibende Mifchung von naturhaftem Dafein und einem nach innen finnenden, etwas
fchwerblütigen 3ug. Nie fpürt man Krampf oder Kampf, nie auch Aktion, aber die
Luft am reinen, unbefcflwerten Dafein ift — will man darin füdlich-nördliche Amal-
gamierung erkennen? — nie ganz frei vom grunddeutfdjen: das Leben als Aufgabe
betrachten. So wird man Fjuber, wie deutfchfchweizerifcher Kunft überhaupt, mag man
fie in Gotthelf, Keller oder Fjodler fuchen, nie ganz gerecht werden, wenn man ihre
ethifche Fundierung überfleht. Diefes Grundgefühl wird auch den Künftler in allem
leichten Gelingen nie haben zur Ruhe kommen laffen. Die rafd) und eigentümlich ge-
fundene Gefte, wie fie den Knabengeftalten feiner frühen Graphik eignet, die fanfte
Kantilene des Geigers mit den drei Mädchen in einem Boot, überhaupt der liedhafte
3auber all diefer früheren Klerke, es mag ihm alles zu leicht hmfehwingend gewefen
fein, ünd gerade als ihm — vor einigen Jahren — von franzöfifeflen Meiftern an-
1 Die Reproduktion der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmiqunq des Verlages von Müller
& Co. in Potsdam.
Der Cicerone, XV. Jal)rg., ßeft 20 45 897
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