Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Porträt eines vornehmen, [teilenden Mannes in ganzer Figur bis jet^t — unferes
(Hiffens — in der einfd)lägigen Literatur noch nid)t befprod)en. Es war, wie uns
gütigft mitgeteiit wird, in London im Burlington Fjouse (1893, Nr. 107), [odann in der
New Gallery (1895, Nr. 32) und auf der fpanifdßen Äusftellung alter Meifter in den
Grafton Galleries (1913—1914, Nr. 71) als Leihgabe von (£1. G. Rawlinfon ausgeftellt.
Äuguft L. Mayer kennt das Bild feit mel)r als zehn Jahren und datiert es zwifdjen
1650—1660. Es entftammt derfelben 3eit wie das Kleinbergerfd)e Bild. Das Milieu,
in welchem Murillo den Dargeftellten malte, ift dasfelbe wie auf den Bildern von
Nortl)brook und Kleinberger: auf einer Cerraffe mit Säule und Baluftrade im Hinter-
gründe. Äuf letzterem Bilde und auf dem Borossfdjen Hält jedesmal der Dargeftellte
in der rechten Hand einen Handfchul). Das Koftüm ift auf beiden Bildern ähnlich:
Kniet)ofen, (Harns, Mantel und Kragen, letzterer auf dem Boross-Bilde groß, die Schul-
tern bedeckend, auf dem Kleinbergerfcßen Gemälde dagegen ganz klein und vom Hälfe
abfteßend. Stark kontraftierend zu der dunklen Kleidung wirken die weißen Strümpfe,
Kragen und Herndärmel. Impofant fteßt der vornehme Mann, deffen Namen wir nicht
kennen, da, in natürlicher, wohlgezwungener Stellung mit leife geöffnetem Mund, ge-
radeaus fchauend mit gütigem Blick. Echt fpanifd)e Grandezza fpricht aus ihm1.
1 Die Sammlung Boross weift zwei weitere fpanifcbe Bilder auf, die mit Murillos Namen in
Verbindung ftehen, die jedoch kaum von diefem Meifter herrühren. Das eine ift eine „Purifima“,
allerdings nur ein Bruftbild der Maria, die in Ekftafe verzückt, himmelwärts blickt. In breiten
Maffen fällt das üppige blonde Haar über die Schultern herab und bedeckt einen Ceil des weißen
Kleides und des darüber gelegten Mantels, welchen fie mit übereinander gefalteten Händen an
die Bruft drückt, in ähnlicher (üeife wie auf der „Puripma“ der Kapuziner im Mufeum zu Sevilla.
Der Kopf zeigt verwandte 3üge mit der „Unbefleckten Empfängnis“ im Dorchefter Houfe in Lon-
don, die Äug. L. Mayer unter den dem Murillo zugewiefenen (Uerken aufzählt. Äuf beiden
Bildern findet ficb um den Kopf ein Sternenkranz, wie wir ihm auf Purifima-Bildern der panifdjen
Kunft öfters begegnen.
Das andere Biid der Sammlung Boross, welches Valerian von Loya dem Murillo zuwies, ift
nach der Änfidjt Äuguft L. Mayers, welcher es in feinem Murillo-Bande abbildet, ein ttlerk des
Pablo Legote und ftellt den heil- Stefanus dar.

Ein unbekanntes Bildnis von Friedrich
Äuguft C i f d) b e i n Mit einer Tafel / Von GEORG BIERMANN

In dem Dreigeftirn deutfd)er Porträtmaler des 18. Jahrhunderts, umfehrieben durch die
Namen 3ieFenis* Graff und Fr. Äug. Cifchbein, verkörpert fid) auf dem Gebiet der
Malerei ficher am Jinnfälligften das ftarke Können einer deuifcl)en Kunftepoche, für
die gedankenlos übernommenes CIrteil noch bis vor einem Jahrzehnt nur den Hinweis
auf die angebliche Abhängigkeit von fremdem Vorbild bereit hielt. Heute ift längft
bekannt, wie wenig im Grunde diefe Einteilung berechtigt war und daß — einerlei,
um welche Nation es fid) im 3eitalter des Barock und Rokoko auch handeln mag —
nie von Abhängigkeit, fondern höchftens von dem für Europa Geltung habenden gleich-
förmigen Gefd)mack der Mode gefprochen werden darf. 3erfplittert fid) aud) in dem
durch hundert kleine Fürftenhöfe beglückten Deutfchland des 18. Jahrhunderts — im
Gegenfatj zu dem Frankreich der gleichen 3eit. deffen künftlerifche Kraft faft allein
durch feinen toanngebenden Mittelpunkt Paris gebunden ift die Energie diefer 3ßit
in zahllofen und oft entlegenen Einzelleitungen, fo ift dod) die Gefamtfumme des hier
Vollbrachten (nid)t nur auf dem Gebiet der Architektur, fondern aud) in der Malerei)
nicht weniger impofant, und keiner der beifpielsweife oben genannten Künftler braucht
internationalen Vergleich zu fürchten, am wenigften Friedrich Äuguft Cifchbein, der fid)

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