Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Neue Graphik von Max Beckmann

Mit sechs Abbildungen

Von PAUL F. SCHMIDT


s hat nicht den Änfdjein, als ob die künftlerifdje Tätigkeit Europas [o bald er-

lahmen wolle, allem Unkengeßhrei zum Crotj. Man verlegt zu gern den Unter-

gang des Abendlandes von den Niederträchtigkeiten der politifchen Bühne her
auch in den Mufentempel. Dagegen wäre es nicht fchwer, den Beweis vom Gegenteil
anzutreten: daß wir in einer 3eit künftlerifcher Blüte leben. Immer noch, auch nach
1912 und 1918. Und das in einem doppelten Sinne. Die Franzofen und was ihrer
Art ift, machen Kunft in Fortfetjung des Ideals vom 19. Jahrhundert (meinetwegen
„l’art pour l’art“, oder „Form“ oder „Ordnung“ als Etikette): eine in der Luft hängende
Sache der Schönheit, mit leifem Ausfdflagen des Pendels nach der dekorativen Seite
des tätigen Lebens; im ganzen das alte Sdflbboleth des Rahmenbildes zu unerhörter
Verfeinerung führend; Luxusgegenftand vornehmften Grades, Patronatsherr: Cezanne.
Diefe wären nicht zu überbieten; komifch wirkt beinahe, was in Deutfdfland fich
unterfängt, mit ihnen zu wetteifern. Dafür haben wir eine andere Art des Sichäußerns,
eine Kunft des Augenblicks und der Raffe, deren Intenfität jählings an die der Zeitwende
um 1500 erinnert. Natürlich ift uns weder ein Grünewald noch ein Dürer befrieden (andere
3eiten mögen anders urteilen), aber es läßt fich auch mit dem beften CUillen nicht leugnen,
was wir vor der ftrengen 3ud)t und Bilderfchule der Franzofen voraushaben: den Überfluß
an Perfönlichkeiten (oder Querköpfen); das Lafter der Maßlofigkeit im Erkennen und
Charakterifleren; die garftige Sünde des 3eitgemäßen; und eine unverzeihliche, eine
mit keinen Sanktionen Apolls und der Mufen wieder gut zu machende Barbarei der
Aufrichtigkeit, einen Fanatismus der Klarheit, der fehr fchwer zu verdauen ift für alle
Priefter der reinen Peinture. Kurz gefagt, wir haben eine Kunft, die in allerhöchftem
Grade 3citdokument ift, Bekenntnis und Amoklauf unbequemfter Perfönlichkeiten.
tUo in aller ttlelt gibt es eine Spannung fo weit wie zwifchen Kokofd)ka und
George Groß; zwifchen Beckmann und Schlemmer, zwifchen Nolde und Dix? tUo
leben Cräumer von der ernflhaften üranfzendentalität Klees und dem CUeltekel Kubins?
Sind fle unter eine Formel zu bringen, der Mafcflinenkosmos Molzahns und der
brennende Fjohn Georg Scholzens, die Lyrik Fjeckels und die unendlich koftbaren Aber-
witflgkeiten (Uollheims? Vielleicht — vielleicht, wenn man die Augen erhebt zu dem
gemeinfamen Gegenfatj, der pe alle eint: dem Gegenfa£ zu der beruhigten klaffifcijen
Ordnung des franzöfifch-weftlichen Rahmenbildes. Denn hier im Deutfdfland von 1922
handelt es fleh nicht um die mehr oder weniger fchöne Form, nicht um Atelierprobleme,
fondern um die ungeheure Not unferer 3eit. Um Ausfage, um Ausbrüche, um fanatiflhes
Bekenntnis zum Deutfchfein, um Behauptung der eigenen Seele. (So etwas gibt es.)
Ulie klein mutet diefem Großen gegenüber die Frage nach dem Ismus an. Ift
Kokofchka vielleicht barock oder ift Schlemmer klaf fiziftifd) ? Soll man Beckmann zu

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