Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 1104
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/1130
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DIE ZEIT UND DER MARKT

Sammlungen
Bernini in der Galleria Borgljefe
Die Borgßefe-Galerie ift, vorläufig allerdings
nur vorübergebend, um zwei £Uerke Berninis
bereichert worden. Nach dem Verkauf des Pa-
lazzo Bernini am Corfo ift anläßlich der beim
Übergang an den neuen Befi^er vorgenommenen
Reftaurationen die Statue der „CUahrßeit“ bis
auf weiteres in die Galerie überführt worden
und kann nunmehr bequem in einem der Säle
des Erdgefchoffes beficbtigt werden. Das zweite
tüerk, um das es [ich handelt, ift ein Modell zur
Reiterftatue Ludwigs XIV. in Verfailles. Es ge-
hört dem Sammler Grafen Contini-Bonacoffi, der
es der Sammlung auf zwei Jahre leihweife über-
laffen hat. L. S.
Breslau
Das wertvollfte Kunfterreignis der Saifon war
die vom Leiter des biefigen Mufeums Profeffor
Braune gegebene Überficht über die von ihm
während feiner kurzen Amtstätigkeit gemachten
Neuerwerbungen. Daß es ihm gelungen ift;
diefe umfangreiche Sammlung zufammenzu-
bringen, ift feinem Calente, gute Mäzene auf-
zufinden, gutzufebreiben, denn die ftaatlicbe
Subvention ift lächerlich gering. Eine refpek-
table Menzelkollektion macht endlich dem be-
febämenden Mangel ein Ende, daß diefer hier
geborene Meifter bisher im Breslauer Mufeurn
noch nicht vertreten war! Hauptaugenmerk ift
auf die Scßlefier gelegt worden und Cßarakte-
riftika find erworben von Arthur Blafcßnik,
Raphael Schall, Spangenberg und Ulillmann.
Äeben den Altmeiftern ift auch den lebenden
Scblefiern unter den Neuerwerbungen ein großes
Kontingent eingeräumt. Von fonftigen Ulefent-
licbkeiten feien Arbeiten von Crübner, Hans
Cboma, Slevogt und Corintb erwähnt. Daß
Purrmann neben Kokofcßka, daß ferner Pascin,
Klimt, Lehmbruck nicht fehlen, ift bei Braunes
Verftändnis Selbftverftändlicbkeit. In der Skulp-
turen fammlung in tereffierenbe fonders zwei Cüerke
Adolph H'ldebrands, von denen die Büfte des
Münchner Kappelmeifters Levi eines der feßön-
ften Porträtftücke des Meifters ift. Braune hat
es jedenfalls verbanden, das Mufeurn in kürzefter
3eit aus feiner betrüblichen Einfeitigkeit heraus
zu einem ebenfo vielfeitigen wie modernen
Kunftinftitut zu erheben. R. C. M.
London
Das Soutb-Kenfington-Mufeum erwarb
zwölf Holzfcßnitte von Jofef tDeiß aus den
Jahren 1916—23. Damit drückt auch das Vater-
land Bewicks dem virtuofeften Holzfcßneider unter
den jüngeren deutfeßen Künftlern feine Bewun-
derung aus.

Ausheilungen
Berliner Äusftellungen
DieSezeffion / Heckendorf bei Gurlitt/
Davringßaufen bei Flecbtßeim / Rad-
ziwill bei Heller / Der Sturm.
Die Berliner Sezeffion kann und kann
nicht fterben. Es ift ein nadbgerade peinliches
Scßaufpiel. Corintb, ißr Präfide, bat gelegent-
lich einer Eröffnungsanfpracße mit faft nach
Selbfterkenntnis fcßmeckender Betonung die
Überzeugung ausgefproeßen, daß die Sezeffion
auch diesmal wieder ißre Exiftenzberecßtigung
erwiefen ßabe. Aber feit Jahren beweift pe
immer wieder das gerade Gegenteil. Und dies-
mal genügt der Anfcßauungsunterricßt auch woßl
für jenes fnobiftifeße Berlin CU, das ziemlich allein
noch in diefer Clique die Moderne repräfentiert
glaubte. Diefe Sezeffion ift eine völlig über-
alterte, demiffionierte Angelegenheit, die zu
ftoßen Pßicßt ift. Eine Brutftätte bloßer Calmi-
Modernität oßne ein Grau gegenwartsinnigen
Geiftes. Rein äußerlich arg zufammengefcßmolzen
und von einer Reduziertbeit, die man uns ja
nicht als 3urückßaltung noch empfehlen foll.
Diefe Sezeffion feffelt nicht die Jugend an ißr
Banner, entwickelt keinen fortfcßrittlicßen Ehr-
geiz, — was leiftet fie denn noch? Einem Dußend
bekannter Mittelmäßigkeiten, Leuten wie Bütt-
ner, Koßlßoff, Cüaske, Krauskopf ufw.,
ift fie ein Scßaufenfter meßr, und darum wird
fie erhalten. Muß denn alles Gemalte reftlos
auch ausgeftellt werden? Diefe Stilifierungs-
wit^e kleinften Kalibers, wie Simon fie unent-
wegt in die CUelt feßt, die mit ßackernden Lichtern
ausgeputjten, yedunfenen Sentimentalitäten eines
3eller oder 3a^, all das laute Sicßintereffant-
rnacben ringsum? Das letzte Mal gaben Corintßs
Einfendungen ein 3entrum und eine halbe Recht-
fertigung des Ganzen. Diesmal bat er nichts
importantes eingebracht, und fo fehlt das Haupt.
Leffer Ury, der kräftige Stilleben zeigt, hat
doch nicht das 3eug, ißn zu vertreten. Klein-
feßmidts Draftik, Bands klargefcßnittene
Fläcßendispoption feffeln ftärker, auch mit einer
kleinen Bildnovelle (XL Krain. F. K. Scßolö
ift nicht oßne farbige Delikateffe, CU. Scßmid
nießt oßne aparte CUirkungen. Pilarski könnte
weitere Beobachtung lohnen. All das aber be-
hebt nießt den negativen Gefamteindruck. —
In diefem Club eine der in allen Unarten und
virtuofen Rafcßßeiten doch prägnanteften Er-
feßeinungen bleibt Franz Hedcendorf, über
deffen letzte Produktion im Salon Gurlitt Recßen-
feßaft abgelegt wird. 3war Tcßlägt feine Aus-
druckskraft, die zumal im Räumlichen feiner Land-
feßaften unverkennbar ift, immer meßr in effekt-
volle Scßärfe um. 3war gefällt er fiel) oft in

1104
loading ...