Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Edvard Mundjs grapßifd)e Kunft
Von GEORG BIERMANN

Muncßs (üerk ift dureß Deutfcßland in das Bewußtfein feiner 3^it ßineingewacßfen.
Dem Sechziger von morgen winkt als nid)t meßr zu bezweifelnde Catfacße die
Palme des Klaffikers, die allen großen Revolutionären von geftern zuteil wird.
Daß es zuerft die deutfcßen Freunde waren, die diefem unfteten Norweger den
Glauben an fiel) und fein tüerk ftärkten, daß Mund)s Rußm über Berlin naeß feiner
ßeimat und ins übrige Europa zurückfcßlug, ift eine Catfacße, die uns gerade ßeute
meßr denn je mit Genugtuung erfüllen kann, wo die einftmals ftraßlende Sonne des
Abendlandes ißr müdes Äntli^ weftlicßem Verfinken in naße Nacßt zuzuneigen feßeint.
Guftav Scßiefler, der in Ärnolds grapßifcßen Bücßern kürzlicß den Muncß-Band Ver-
ausgab, fagt von dem erften Auftreten des Norwegers in Berlin in jener denkwürdigen
Äusftellung von 1892 (die die Geburtsftunde der Sezeffion über den Fall Muncß ein-
leitete), daß damals ein leifes 3ittern der Erde bemerkbar ward, weil alles das, was
bis daßin vielleicßt feßon literarifcß möglicß feßien (Strindberg) nun aueß dureß die Kraft
eines bildenden Künftlers Geftaltung gewonnen ßabe. Damals freiließ find fieß die
Freunde trotzdem noeß nießt über den geßeimen Sinn jener Kunft im klaren gewefen;
aber fießere inftinktmäßige Äßnung rief zu Bejaßung, beftätigte, vorausgreifend allem
Kommenden, die Kraft eines genialen Menfcßen, der aus Scßmerzen eigenen Erlebens
ßeraus Künder jenfeitig erfeßauter Geficßte wurde.
Über Mund) als Künftler ift ßeute kaum noeß ein ülort zu fagen, das nießt Allen
bereits auf den Lippen ftünde, die einmal an fieß die innere Fülle der Geficßte diefes
Meifters erlebt ßaben. f)ier greift dureßaus jene Strindberg-Gewalt an das Szntium
der menfeßließen Seele und läßt aus Scßauern innerften Ergriffenfeins die Aßnung vom
fcßickfalßaften Sein unferes zwiefpältigen Lebens in uns emporwaeßfen, die immer ein
Gefüßl von ßilflofigkeit gegenüber dem Fatum auslöft. — Das Cßema von Mann und
ttleib ift aueß bei Mund) Grundakkord einer Reiße feiner ßerrlicßften früßen Blätter.
Straff konturierte Form des grapßifcßen Stricßs ift Gefäß jener inneren Ballungen, die
oft zerfprengen möcßten und doeß kriftallfcßarf in ißrer künftlerifcßen Funktion des
expreffiven GCIillens eingebettet rußen. Dämonifcße Suggeftivkraft, die ins Uleite und
Laute ßinausbrüllen möcßte, wird gebändigt dureß die Abbreviatur der künftlerifcßen
Fjandfcßrift, die mit zwei oder drei Akzenten immer das CUefentlicße umfeßreibt und
alles Andere dem Befcßauer überläßt, Cragik des Menfeßließen an fieß — einerlei ob
Bejaßung im dynamifeßen Ausbrucß naturßafter Erotik — oder befangen im Angeficßt
des Codes — immer find ßinter diefen Muncßfcßen Blättern der erften Periode die Qual
der Enttäufcßung, Anklage und Scßuld offenbar. Eingekeilt in den Umriß jener — wie
Scßiefler fagt — zarten und gleicßfam mit elektrifcßer Spannung geladenen Stricße —
wäcßft jener Strindbergfcße Peffimismus empor, der, verneinend alle Süße diesfeitigen
Lebens, Anklage auf Anklage gegen das Firmament ßämmert.
Dies aber umreißt den eigentlicßen Cßarakter Muncßfcßer Kunft, fo feßr aueß da-
zwifd)en eine Epocße kontemplativer Lebensfreude den Blick ins Alltäglicße abzubiegen
verfueßt. Im Gegenteil: CUie feßr trotjdem die feßwerverßangene Stirn des nor-
difeßen Grüblers über feinem CUerke fteßt, beweift die Catfacße, daß jener alternde
Muncß, der uns ßeute mit feinen feeßzig Jaßren grüßt, die gleicßen 3üge trägt wie
jener Aufrüßrer von 1890, der zuerft das nordifeße Fanal über einer 3eit erßob, die
wie Vorabend einer untergeßenden Kultur erfeßeint. Nießt der Gegenfats vom Romanen
zum Germanen vermag den tieferen Sinn diefes feltfamen und in fieß dureßaus nießt
Jtetigen Scßöpfers zu erßellen. Solcße Antitßefe fpannt den Bogen innerßalb der indo-
germanifeßen Raffe für einen Scßöpfer wie Muncß viel zu eng. Anologien für der-
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Dev Cicerone, XV. jaljrg,, i)eft 14

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