Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Einige mittelalterliche Plaftiken Japans
Mit vier Abbildungen auf zwei Tafeln Von KARL WITH

Im Jahre 1913 hatte ich in Nara, dem alten 3entrum religiöser Kultur Japans, heute
einem kleinen Präfekturftädtcßen, Gelegenheit, einige Plaftiken zu erwerben, und
zwar für das Folkwangmufeurn und die Sammlung meines Freundes 0. Vonwiller.
Drei kleinere diefer Erwerbungen feien h)ier bekanntgegeben als ein Beitrag zur mittel-
alterlichen Plaftik Japans, da derartige nicht überarbeitete Stücke immerhin nicht allzu
häufig find, löie denn ja überhaupt frühe und gute Stücke fcßon in der Vorkriegszeit
in Japan feiten waren. 3u dem Beften, was damals zu finden war, gehörten die
überlebensgroße Fjolzkwannon aus dem Ende der Cempyozeit (Äbb. in Ärarat, Oft-
afienheft, Golßverlag) und eine kleine Bronzekwannon aus dem Anfang des 8. Jahr-
hunderts (Äbb. in Buddhiftifche Plaftik in Japan, I. Äufl., Cafel 214), die im Befitj des
alten Camai waren. Beide Stücke find in Japan geblieben und mögen für den, der fie
gefeßen hat, eine wehmütige Rückerinnerung bedeuten, tim fo erfreulicher ift es, daß
aber das Fragment eines Buddhakopfes aus dem 8. Jahrhundert — meines ÜUiffens
durch Profeffor Große — ins Berliner Mufeum gekommen ift, und nun dort einen
feltenen und um fo koftbareren Befiß darftellt (Äbb. in Kümmel, Die Kunft Oftafiens,
Cafel 23). Es mag an diefer Stelle noch erwähnt fein, daß felbft in Japan der bei
weitem größte Ceil Fälfcßungen waren oder völlig überarbeitete Stücke. So fießt man
auch in europäifcßen Sammlungen bisweilen kleine Bronzeftatuetten im Stile des 7. Jahr-
hunderts, die meift Nachbildungen find, befonders zahlreich folcße der Kwannon des
Kwancßinji. Das Befte, was an japanifeßer Plaftik in Deutfcßland in letzter 3eit zu
feßen war, war der große Ämidatorfo, der auf der Frankfurter Meffe zu feßen war
und damals meines ötliffens in Befife von tüorcß-Glenk war. Äber ich will mich fließt
länger mit diefen Vornotizen — auch wenn fie vielleicht heute von einigem Intereffe fein
mögen — aufhalten und verfließen, an der Fjand der abgebildeten Stücke einiges All-
gemeine über die Erfcßeinung japanifeßer Plaftik auszufagen. Auch diefe drei kleinen
Stücke find meßr oder weniger Fragmente: Dem Kopf feßlt das Fjinterkopfftück und
das ösnifa, der fixenden Buddhafigur die volle Bein- und rechte Ärmpartie, und von
der Bemalung der fßintoiftifeßen Figur find nur noch geringe Refte erhalten.
Alle drei Stücke gehören der mittelalterlichen Epoche japanifeßer Plaftik an, etwa den
3eiten zwifeßen dem 10. und 15. Jahrhundert. Ißnen gemeinfam ift der ausgefprocßeri
japanifeße Charakter, im Gegenfatj zu Bildwerken der früheren Epochen, die völliger
unter dem Einfluß von China ftanden. Im Rahmen der gefamten oftafiatifeßen Plaftik
und ißrer Entwicklung find es typifeße Vertreter der lebten Entwicklungsftufe, wenn
man diefe auf Grund des religiöfen Verhaltens und der Äuffaffung des Göttlichen in
drei große Äbfcßnitte einteilt. Es find das drei Perioden, die ficß bezeichnen laffen als
folcße: der Verfacßlicßung, der Verlebendigung und der Vermenfcßlicßung. Die erfte und
ältefte Stufe der Verfacßlicßung wird gekennzeichnet durch eine fpiritualiftifcße Äuf-
faffung des Göttlichen, das als ein Äußerweltlicßes gefejjt wird und als ein Objekt der
Erkenntnis von allem Irdifcßen weit diftanziert ift. Dem entfprießt eine künftlerifcße
Formulierung ftrenger areßitektonifierender Verfacßlicßung, von gefcßloffenem Aufbau
der bewegungslofen Maffe und ornamentaler Bindung. Der zweiten Entwicklungsftufe
liegt eine veränderte Äuffaffung infofern zugrunde, als das Göttliche — unter gewiffer
Korrefpondenz mit der Äuffaffung des Cao — zum Begriff des univerfalen Seins er-
weitert wird. Statt einer außerweltlicßen Vergeiftigung eine univerfale Verlebendigung,
der ßier nicht der verinnerlichte Erkenntnisakt, fondern die Erfüßlung und Erfcßauung
entfprießt. Fjier waltet eine Formgebung finnlicß bewegter Repräfentation, voller dyna-
inifcßer <XIud)t und weiträumiger Entfaltung, mit einem 3ug ins Monumentale und
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