Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Ausheilungen
Berliner Äusftellungen
Die „Freie Sezefpon“ gedenkt fidb aufzulöfen,
und es find nicht eben viel Stimmen vernehm-
lich geworden, ihr diefen Entfd)!uß auszureden.
Sie ift tatfäcblid) zur Überßüfpgkeit zwifchen
vielen fchon rein organifatorifd) glücklicheren
Konkurrenzunternehmungen herabgefunken,obne
repräfentierende Autorität, obne bellen Mut,
obne die innere Sicherheit auch nur der tradi-
tionserfüllten 3unft. Nun, von diefem Prinzi-
piellen foll hier noch die Rede fein, wenn die
Entfcbeidung der Mitglieder vorliegt1. Es wird
vor allem doch die Frage aufzuwerfen fein, ob
nicht ein neuer Bund fcböpferifcber Künftler an
die Stelle diefer Vereinigung zu wünfcben wäre.
Aber Das jedenfalls ift gewiß: kommt es zu
diefer Auflöfung, fo wollen wir die „Berliner
Sezeffionanid)t etwa allein weitermitfcbleppen,
diefe nun erft recht gepnnungslofe Anfcbwem-
mung mehr oder weniger epigonifcber Leutchen
um den einen feften Pfahl Lovis Corintb, die
doch gewiß nicht Verkörperung einer tapferen
Idee, keinerlei geiftige Gemeinfcbaft ift oder je
war, fondern eben nur eine Malerclique. Seit
jener biftorifcben Abfpaltung der potenteren und
zukunftsftrebigen Kreife unter Liebermanns Füh-
rung, ift die Erbin des Namens aus der Gefchichte
gerutfcht. Sie hatte Berlin QI, pe wurde Hafen
für allerlei modifcbe Stiliften und Manierißen,
aber pe blieb völlig unfruchtbar. Nach einem
verborgenen Gefefee beftebt zwifcben diefen
Renommier-Exprefponißen der Sezefpon etwas
wie eine Familienähnlichkeit, fo wenig dod)
eine tiefere Verbundenheit obwaltet: ein 3ug
pikanter Äffektation, der wie hineinredigiert
wirkt, wie hineingemalte „intereffante“ Schatten
in einer Dutjendpbypognomie. Man liebt hier
ein barodtiperendes Schwirren, Flattern, Pbos-
pborefzieren, man greift eine geßeigerte Ge-
bärdung auf, ein illußriertes Übercharakteriperen,
eine äußerliche Simplizität: aber es fehlt jede
wirkliche Intenptät oder Radikalität, es iß gar
nicht die Rede von wahrer, gepnnungsmäßiger
Schlichtheit und Strenge. Sondern diefe epi-
moderne Gruppe cbarakteripert pd) gerade da-
durch, daß pe ein laxes, gefd)mäcklerifd)es, auf
Reize gepeiltes Verhältnis zu den Problemen der
1 Inzwifdjen erfolgt: Fortbeftefoen der „Freien Se-
zeffion" berd)lo(Ten.

Gegenwart hat, foweit pe nicht, zu ihrem fym-
patbifeberen Ceil, im Rahmen einer gepeberten,
geläupgen Qualität verbleibt. Dies Gefamtbild
hat pd) in den zehn Jahren fd)ismatifd)en Sid)-
hinfchleppens nicht verändert, nur daß die Jugend-
vertreter Jaeckel, Krauskopf, Kohlhoff, Steinhardt,
lüaske ufw. von Jahr zu Jahr deutlicher verfagt
haben. Diesmal ein befonders klägliches Refultat.
Gerade Krauskopf und Kohlhoff pnd bis zur
Qnanfehnlichkeit zerßoffen, und werden ihre
Flüchtigkeit der Idee und der Mache kaum je-
mandem mehr als Eempo und Vipon einreden
können, Hetendorf, den ich an pd) für eme
weit urfprünglichere Begabung halte, zeigt pd)
angeßeckt von dem pebernden Gehabe, das pd)
bei CDaske in eine plakatmäßige Effektßcherheit
umfetß. Die Spiro, v. König, Oppler ver-
treten eine folide Malerei, die nur freilich bei
allen Vorzügen der Ehrlichkeit den Fortbeftand
diefer „Sezefpon“ wohl nicht rechtfertigen könnte.
G. Brandes, F. (Xlinkler - Cannenberg,
G. v. Finetti, E.M. Simon forcieren die Sen-
fation des Chemas, bald ins Spukhafte, bald
ins Biedermeierliche gehend, nicht ohne Origi-
nalität des Einfalls mitunter, aber ohne alle ür-
fprünglid)keit der Geftaltung. Hier wird ver-
fud)t, fcbmifpge refpektive adrette 3eid)nung
für etwa die „Illußrierte“ zum felbftändigen Bild
aufzublafen. Klaus Richter fteigert den Cüider-
fprud) zwifcben literarifdjer 3ufpi§ung und ma-
lerifcher Crivialität vollends ins Qnerträgliche-
Vergeblich ßreift der Blick über Cüände voller
Gleichgültigem, diefer erlofchenen „Sezefpon“
neue Hoffnungen, blutzuführende Jugendkräfte
zu erfpüren. Nur Max Band fällt mit einem
klugen, klar organiperten Bildnis auf, das den
Maler Grigoriew darßeilt, der felbft als rou-
tinierter Porträtift ohne revolutionierende Kraft
nur zu gut hierher paßt. Alex Bertelsfon
hat wohl fchwere, volle Farben, aber er fefet pe
vorerß in akademifchen Kompoptionen ein, die
keine 3ukunft künden. Die Skulptur zumal
iß von übler Stiliperung und fentimentaler
Schablone beherrfebt, verlohnt kein weiteres
ttlort.
So ßeht alles Heil diefer Schau bei dem Führer,
bei Lovis Corinth, deffen überßrömende Vi-
talität und braufende Frifcbe mehr Jugendkraft
atmet als das Andere famt und fonders. Sein
Altersßil iß ein ungeahnter Criumph des Male-
rifchen und erbringt auf dem Gebiete fakraler
Darftellung einen Erfolg, den die antäushafte
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