Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Jean Äugufte Dominique Ingres (1780—1867)

Mit sieben Abbildungen auf vier Tafeln Von ADOLPHE BASLER


Seit einem falben Jahrhundert erleben wir von 3elt zu 3ßlt in der Malerei Augen-
I blicke der Kritik, wenn die Vifion der Natur nachläßt, die künftlerifche Konzeption
erlahmt und die wahre Erkenntnis als Ausgangspunkt der Überlieferung allzufehr
durch neue Entdeckungen erregt wird. In diefen Augenblicken der Befinnung wird
der Kult einerfeits von Ingres, anderfeits von Corot lebendig und man verfteht durch-
aus diefen geiftigen 3uftand, wenn man den Saal im Louvre befucht, der die Meifter
des 19. Jahrhunderts vereinigt. In der Bewunderung der Manetfchen „Olympia“ er-
liegen wir hier der Verehrung für diefes Bild auf Grund jener Äfthetik, die uns der
revolutionäre Realismus der Impreffioniften gewiffermaßen als Erziehung mit auf den
ffleg gegeben hat. Aber wieviel mehr überwältigen uns die „Odaliske“, das „türkifche
Bad“ oder die Frauenbildniffe eines Ingres durch die Vornehmheit ihres Stils. An diefen
Bildern ift alles groß, alles bezaubernd: die Nobleffe der 3eid)nung und der göttliche
Linienfluß der Form. Gewiß erliegen wir dem romantifcßen Charme eines Delacroix
und bewundern das ganz auf die Ulirklichkeit eingeftellte Genie eines Courbet, deffen
„Begräbnis in Omans“ feiner Empfindung nach ebenfo gotifch ift wie die beften Skulp-
turen der burgundifchen Meifter, aber im Fjinblick auf Stil und Naturell glauben wir
uns gleichzeitig durch die hohß‘tsvolle Form der Ingresfchen Kunft emporgehoben und
durch die Reinheit eines Corot geadelt. Uns mangelt noch die Unterfcheidung, fo ver-
heerte mir erft kürzlich einer der beften modernen Maler; wir überfehen ebenfo die
Vollkraft der Überlieferung in den Ideen und den Empfindungen, die der Anarchie des
Intellektualismus zum Opfer gefallen find, der alles gleich gemacht, das Naturell er-
tötet und alles, was vornehm und göttlich ift, das heißt das ganze Myfterium der Kunft
in Bann getan hat- tUir Tprecßen viel von Raffael und bemerken woßl die Verwandt-
fcßaft zwifcßen ißm und einem Ingres, aber wieviel mehr befteht pe noch im Geifte
tiefer Menfchlichkeit zwifchen jener Frau mit der Perle von Corot und dem Bildnis des
Baldaffare Caftiglione.
tüie fchon oben gefagt wurde, wird der Ingres-Kult in beftimmten 3eiten immer
wieder lebendig. So hat ihn Gauguin erneuert, nachdem er alle Quellen, die ihm die
Impreffioniften öffneten, erfcljöpft hatte. Diefer durch ungewöhnliche Intelligenz aus-
gezeichnete Maler hat vielleicht das größte Verftändnis für die Kunft eines Ingres be-
wiefen, deren wirklich revolutionären Charakter niemand beffer als er verdeutlicht hat.
Maurice Denis hat ähnlich glänzend das neufchöpferifche Genie diefes Meifters er-
gründet, den fpäter die Kubiften als ihren Schutjpatron adoptieren wollten und den
auch Andre Lhote mit feiner füdländifchen Ulortfülle zu erklären verfudjte. 3uerft
aber mag Gauguins Bemerkung über Ingres mitgeteilt fein. Diefe lautet:
„Delacroix ift ein großer Kolorift, aber er kann nicht zeichnen. Ingres, der ähnlich
wie er das Sinnlofe des akademifcßen Betriebes empfand, fetjte einfach alles daran,
eine ebenfo logifche wie für feine 3weckß fcl)öne Formenfprache zurückzugewinnen,
indem er das eine Auge auf Griechenland, das andere auf die Natur gerichtet hielt.
Bei Ingres hat der zeichnerifche Fluß der Linie kaum eine Veränderung, obwohl fie
von einem ftarken inneren Leben erfüllt ift. In feiner Umgebung hat ihn niemand ver-
banden, nicht einmal fein Schüler Flandrin, der immer nur die Ingresfche Sprache
als .Volapük* begriff und dabei felbft als Meifter galt, während Ingres entthront in der
hinterften Reihe ftehen mußte, um heutigen Uages eine um fo glänzendere Auferftehung
zu erleben. Swlf^en Ingres und Cimabue gibt es viele Gemeinfamkeiten, unter anderen
jene feine Überlegenheit, die etwa fagen möchte: Nichts gleicht fo fehr einem ab-
foluten Kitfch wie ein Meifterwerk und umgekehrt. Unter diefem 3eicl)en find die
heiligen Jungfrauen eines Cimabue Phänomen gewordenes Dogma (Jefus das Kind

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