Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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des Vaters waren bei ißm die Eindrücke, die er im Verlaufe eines ad)t Jahre währenden
Aufenthaltes in Rom fammelte. Hier, wo er fiel) befonders zum Porträtmaler aus-
bildete, entfernte er fid) von der füllen und innigen Kunft feines Vaters und Bruders
und wandte fid) einer gewiffen Monumentalität zu, die, gepaart mit einer fieberen
üeeßnik, ißn ausgezeichnete Repräfentationsftücke feßaffen ließ. [denn er Feuerbachs
berühmtes römifches Modell „Nana“ malt, ift er durchaus fachlich und vermeidet faft
ängftlich jede Idealifierung; und wenn er fpäter, befonders in Saarbrücken, porträtiert,
fo werden wir immer die großzügige Cecßnik, die Sicherheit des Aufbaus bewundern
können. Aber wir werden nicht recht warm bei diefen Bildniffen. Man hat zu leicht
den Eindruck des „Geteilten“. Es ift oft eine Schönheit ohne Seele. Das liegt viel-
leicht weniger an ihm als an dem völlig veränderten 3eitgefd)mack. — ln feinen Land-
feßaften, er malte bereits in Italien luftige, licßtfchimmernde See- und Lagunenbilder in
Anlehnung an Guardi — kann er wefentlicß wahrer fein und feßeut auch nicht vor
Motiven zurück, die manch anderer damals noch unfehön fand, wie das „Neunkirchener
Hüttenwerk“ mit feinen qualmenden Fabrikfchloten. Diefe und andere Landfchaften find
farbig und teeßnifeh fUerke von unleugbarer Bedeutung, ünd hier könnte man auch
bei ihm noch einen Reft Romantik entdecken. Denn warum hätte er fonft den Reiz
wildwuchernder und verträumter Barockgärten, aus deren Grün das Rot von Barock-
bauten fchimmert, erkannt und in einer Reihe von ülerken feftgeßalten?
Es ift ficher, daß die kommenden Jahre noch helfen werden, den Überblick über das
Schaffen der vier Schmitts weiter abzurunden und ihre Bedeutung im Rahmen der
deutfehen Kunftgefcßicßte und der badifchen Malerei fcßärfer zu fixieren, befonders im
Anfchluß an die vortreffliche Ausftellung des Heidelberger Kurpfälzifcßen Mufeums, die
auch zu vorliegenden feilen die Anregung gab1. Selbftverftändlich ift feßon heute,
daß wir zum wenigften in Georg Philipp Schmitt und in feinem Soßne Guido zwei
Künftler haben, deren lüerke ißre bisherige Vergeffenßeit oder ünterfcßätjung in keiner
[üeife rechtfertigen.

3ur Interpretation Karl Haiders
Eine Bemerkung aud) zum N a cf) e x p r e ffi o n i s m u s

Von FRANZ ROH

Mit einer Tafel

e ftärker Kunftforfcßung eine tüiffenfcßaft zu werden trachtet, defto deutlicher wird


fie ficß gerade eingefteßen müffen, daß fie zufammen mit aller Geifteswiffenfcßaft

fid) in großer Abhängigkeit befindet von der Haltung der jeweiligen Kunft ißrer

eigenen 3eit- Nicßt nur die Anordnung des (Xlertgefüges, aus dem die Kunftwiffen-
feßaft arbeitet, erweift fid) hier als abhängig. Auch die Stoffkreife und feiten, die fie
ßervorziel)t, ausgräbt, zu verfteßen und zu deuten unternimmt, find weithin bedingt
von der Gegenwartskunft. [nie der Klaffizismus vor und um 1800 eine neue Klelle
arcßäologifcßer Ergründung zur Folge hatte, fo der bewegte Figuralrealismus des
19. Jahrhunderts jene breite Erforfcßung des Barock der Italiener fowoßl wie etwa des
Rubens. So brachte dann der Impreffionismus jenes erneute Intereffe an der ßollän-
difeßen Malerei mit der heute bereits überfeßrittenen Höcßftwertung etwa eines Frans
Hals. So brachte der Expreffionismus die von allen Seiten einfefeende Erfcßließung
fogenannter primitiver und exotifeßer Kunftpßafen, in der wir uns noch mitten drin

befinden,

Eine Bewegung nun, die feit etwa 1920 in allen europäifeßen Ländern ßervorkeimt,
fei Nacßexpreffionismus genannt, womit icß Tagen will, daß fie gewiffe metapßyfifcße
1 „Die Romantikerfamilie Sdjmitt, ein Jahrhundert Heidelberger Kunft“, vgl. darüber: Cicerone,
XV. Jahrgang, Heft 11, 1923, S. 525.

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