Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 1097
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/1123
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Neue Literatur zur Keramik
Old Dutch Pottery and Tills by Elisabeth

Von MAX SAUERLANDT / Mit
zwei Abbildungen auf einer Tafel

Neurdenburg

'.ne feltfame Erfcbeinung: es gibt freilich zahlreiche in holländifchen 3eitfcbriften und Mu~


feums-Publikationen verftreute Einzelunterfucbungen, bis zum heutigen Cage: aber — von

I j der vortrefflichen, gleichfalls vonFrl.Dr. Elifabeth Neurdenburg verfaßten Einleitung zu dem
1920 fchon in 2. Huflage erfchienenen Katalog Oud Hartewerk der keramifchen Hbteilung des
Reijksmufeums in Hmfterdam abgefehen — noch keine zufammenfaffende Darftellung der hollän-
difchen Keramik, insbefondere der Delfter Fayencen in holländifcher Sprache.
Es ift bezeichnend für den (Ueltruf des „alten Delft“, das die einzige frühere Behandlung des
Ehemas — Fjenry fjavards Ceramique hollandaife, hiftoire des fayences de Delft. Hmfterdam 19091 2 —
n franzöfifcher, daß die vorliegende ausgezeichnete Darftellung durch die befte holländifche
Kennerin von dem Leiter des Department of ceramics des Victoria and Albert Mufeums in London,
Bernard Rackham, überfebt und durch ein wertvolles Kapitel erweitert in englifdjer Sprache
erfcheint.
ülie Fjavard befd)i'änkt [ich Frl. Dr. Neurdenburg nicht auf die Behandlung der Delfter Fayencen,
fie zieht vielmehr in weiteftem Umfange auch die vordelftifche Frühzeit der holländifchen Keramik,
vor allem die in ihrer Hufteilung auf die verfchiedenen nordniederländifchen Produktionszentren
noch problematifchen, nur auf der Schaufeite mit bemalter 3inn-, auf der Rückfeite mit Bleiglafur
verfehenen Fjalbfayencen, die unter italienifchem Einfluß ftehenden Majoliken des 16. und 17. Jahr-
hunderts, die Fliefen (Rotterdam), ja auch das fpäte rote Steinzeug des Jacobus de Caluwe und
des Hry de Milde mit in den Kreis ihrer Betrachtung und leitet das Ganze durch eine Schilderung
des Fabrikationsprozeffes ein.
Von befonderer Bedeutung ift die kritifche Huseinanderfe^ung mit Fjavard, deffen fcbeinbar
fo zuverläffige Deutung der zahlreichen Malerfignaturen auf beftimmte in den Hkten genannte Delfter
Fayenciers in ihrer ganzen Problematik aufgewiefen werden. Fjavard war unkritifch zu CUerke
gegangen: es fehlen bei feiner Huflöfung der Namenchiffern die unerläßlichen icritifchen Unter-
fcheidungen zwifchen Malern, Fabrikanten und oftmals nur als Unternehmer oder Aktionäre
an den zahlreichen Betrieben beteiligten Fabrikbefitjern, und ebenfo hat er oftmals feine
Markendeutungen ausgefprochen, ohne die chronologifche Unftimmigkeit zwifchen den mar-
kierten Fayencen und dem Hktenvorkommen der Namen zu berückfichtigen. Hus der neuen
Darftellung Fräulein Dr. Neurdenburgs geht nur mit Sicherheit hervor, daß die fcheinbar fo un-
anfechtbaren, mit einem großen wiffenfcbafHieben Apparat vorgetragenen Markenbeftimmungen
Fjavards im böcbften Grad problematifcb, ja in vielen Fällen durchaus falfch find, daß wir uns
heute noch in weitem Umfange mit einem Nicbtwiffen befebeiden müffen und daß wahrfcheinlich
auch nach dem Erfcbeinen der großen, feit Jahren vorbereiteten Hktenpublikation von Dr. 5- E.
van Geldern im Raag noch große Lücken der Kenntnis befteben bleiben werden.
Das febr überpchtlich disponierte und klar gefebriebene GUerk ift mit acht farbigen und 104
febwarzen Abbildungen glänzend ausgeftattet. 3u bedauern bleibt, daß von diefen Abbildungen
mehr als dreißig Befifeftücke des Reijksmufeums wiedergeben, die bereits in dem eingangs er-
wähnten Fjandbuch Oud Hardwerk abgebildet find und daß die deutfeben Sammlungen, die be-
fonders reich an vortrefflichem Delft find, nicht in größerem Maße Berückfichtigung gefunden
haben. Hbgebildet ift nur die herrliche Fjoppeftein-Kruke des Berliner Scbloßmufeums, erwähnt
werden außerdem nur noch eine Fjoppeftein-Vafe des Mufeums für Kunft und Kunftgewerbe in
Fjalle und die aus einem Hltonaer Fjaufe in das bamburgifebe Mufeum für Kunft und Gewerbe
gelangten Fliefenbilder mit der Darftellung der fünf Sinne nach Vorlagen Hmiconis von Jan Halmis
in Rotterdam, 1764. Dafür find die englifcben, franzöfifeben und belgifcben Sammlungen mit
glänzenden, z. C. hier zum erften Male abgebildeten Stücken vertreten2.
1 Translated with annotations by Bernard Rackham. London, Benn Brothers Ld., 1923.
- Bei der Befprechung diefer tllandverkachelung ift ein JYüßverftändnis zu berichtigen. Die Fliefenbilder ftammen
nid)t aus einem Fjamburger Saufe, fondern aus dem damals im ]ai)re 1720 erbauten, im Befift der Familie van der Smiffen
befindlichen ßaufe Elbftraße in ftltona, das im Jahre 1764 von Gisbert van der Smiffen bewohnt wurde. Ein urkund-

1097
loading ...