Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlungen
Die widjtigftenNeuerwerbungen des
Germanifdjen Mufeums in Nürnberg
Das Germanifcbe Mufeum in Nürnberg bat in
den lebten Monaten eine ftattlidje Reibe wich-
tiger und bedeutfamer Neuerwerbungen für feine
kunft- und kulturgefcbidjtlicben Sammlungen
machen können, ünter diefen ftebt an erfter
Stelle die noch mit ibrer woblerbaltenen ur-
fprünglichen Polycbromie, dem Gold des Ge-
wandes und dem Kaftanienbraun des langge-
lockten IJaares ausgeftattete Fjolzfigur des
jugendlichen Johannes d. C., die zwar aus
einer Kapelle in Scbülzburg am Bodenfee ftammt,
aber aus dem Kunftbandel erworben werden
mußte. Es bandelt pcb um einen Cyp diefes
heiligen, wie er aus folcb früher 3eit (um 1300)
fonft nicht auf uns gekommen ift. Nicht minder
wichtig für die Gefcbicbte der deutfeben Plaftik
ift die neuerworbene Fjolzfigur einer bl. Eli-
fabetb von dem bekannten ÖLIürzburger Meifter
Cilmann Riemenfehneider, Aus den erßen
Jahren des 16. Jahrhunderts flammend, ift pe durch
eine forgfältige Durcharbeitung aller Einzelheiten
ausgezeichnet, und pellt durch ihre unmittelbare
«Hirkung als Verkörperung hingebungsvoller
Menfcbenliebe die fd)on feit Jahrzehnten im Mu-
feum beßndlicbe, dem gleichen Meifter zuge-
febriebene größere Elifabetbßgur weit in den
Schatten.
Für die Gemäldefammlung aber bedeutet der
lebensgroße Akt einer Judith mit dem
Fjaupte desFjolofernes von Fjans Baidung
Grien eine nicht hoch genug anzufchlagende
Ergänzung. Das Gemälde, welches nicht nur
pgniert, fondern auch datiert ift und dem Jahre
1525 angehört, hat feinen öüeg von Italien über
Frankreich und boiland in das Germanifcbe Mu-
feum gefunden. Der reife Frauenkörper der alt-
teftamentlicben Fjeldin ift offenpchtlich nach einem
lebenden Modell gefebaffen. Die 3urückgewin-
nung diefes Meifterwerkes aus dem Ausland darf
für das Germanifcbe Mufeum als um fo will-
kommener gelten, als mit Bezug auf den großen
3eitgenoffen und Freund Dürers erft durch diefes
Bild für die beiden allegorifchen Frauengeftalten
der Cüeisheit und Mupk, welche bei dem Bilder-
taufcb zu Fjugo v. Cfdjudis 3eiten an die Alte

Pinakothek in München abgegeben werden
mußten, ein vollwertiger Erfatj gefebaffen iß.
Inzwifcben pnd die für die vereinigten
graphifchen Sammlungen der Stadt Nürn-
berg und des Germanifdhen Mufeums ber-
geriebteten Räume und Säle im erßen Stock des
Verwaltungsgebäudes am Kornmarkt der Öffent-
lichkeit übergeben worden. In ihnen wird zur
3eit eine Auslefe von Frühwerken des Fjolz-
febnittes auf Einzelblättern und in Büchern ge-
zeigt, eine Auswahl von Bucheinbänden von den
koftbaren Lederfcbnittarbeiten des 15. bis zu den
perlgepickten und plbernen Gebetbüchern des
18. Jahrhunderts und eine Reihe älterer IJand-
fdbriften vom 8. Jahrhundert, öüiegendrucke der
verfebiedenßen deutfeben Ofpzinen, Kaifer-
urkunden, Öllappenbriefe und Autographen von
Luther, Melancbtbon, Gö§ von Berlicbingen,
GQallenftein, Goethe, Schiller, Kant und Fichte.
Neuerwerbungen im Kaifer-
Friedridj-Mufeum
3wei nicht umfangreiche, aber ausgezeichnete
Stücke pnd in die plapifche Sammlung letpbin
eingereiht worden. Einmal eine etwa 30 cm
hohe Steinmadonna des Landsbuter Renaiffance-
meipers Fjans Leinberger, die pcb bisher in
der Sammlung BenoitOppenheim befunden hat;
ein ebenfo ausdrucksvolles wie liebenswürdiges
Stück. Der Knabe ftebt auf dem Schoß der ihn
liebevoll mit beiden Fjänden zu pcb preffenden
Mutter, die Geficbter find innig aneinander ge-
febmiegt; die feitliche Bewegung ßrafft die Falten
des Ärmels und hellblauen Rocks der Madonna
in der für Leinberger ebarakteriftifeben Art, wäh-
rend das zärtliche Greifen des Kinderärmchens
eine heitere Gegenbewegung ergibt.— Die andere
Erwerbung ift eine bisher unbekannte Büße
Immanuel Kants von dem zu Bafel gebürtigen,
lange in Berlin bei der Porzellanmanufaktur täti-
gen Emanuel Bardou vom Jahre 1798, ein
pgniertes öCIerk des in den Berliner Mufeen bis-
her nicht vertretenen Klaffizißen. Die Faffung
ift ganz knapp, der Eindruck von römifeber
Prägnanz. Die pbyfiognomifebe Durcharbeitung
iß, nicht auf Koßen der einfachen Strenge, äußerß
fein, vermittelt die geißige Gefpanntbeit und
Qnbeirrbarkeit des Denkens in ungewöhnlich
überzeugender CCIeife, ohne pcb auf das Detail
einzulaffen. tü.

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