Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Meryons romantifcpe Herkunft

Von GOESTA ECKE

Mit vier Abbildungen auf drei Tafeln

„Älles Sichtbare haftet am ünfidjtbaren,
das Fjörbare am ünßörbaren, das Fühlbare
am CInfühlbaren, vielleicht das Denkbare am

Novalis.

Undenkbaren.

ür die KIal)l des Stoffes und für gewiffe Stilelemente in der Kunft Meryons ift


zunädjft zweierlei beftimmend: Paris und die Romantik. In der Stimmung des

romantifdjen Paris ift eine typifche Note der Graphik des Meryon gegeben. In
der Stimmung jener Stadt, die Balzac mit vifionärer Kraft und mächtigem Geifte zu
einem Symbolum aller Menfchlichkeit erhoben haL deren endlofes Fjäufermeer er
lebendig werden läßt mit unheimlicher Pßantaftik, daß die Stadt in feiner Änfcßauung
zum fchickfalfcßweren Klelttheater wird. In diefem Sinne erkannte Victor Fjugo als
einer der Erften das Schaffen Meryons als gewadjfen aus einer Empfindungswelt, die
der Balzacfcßen vijlonären Änfchauung zunächft verwandt ift. Er fagt von ihm: „II
ne faut pas, que cette belle imagination soit chätiee de la grande lutte, qu’elle livre
ä l’inßni, tantöt en contemplant l’ocean, tantöt en contemplant Paris ... Le souffle
de l’immensite traverse l’oeuvre de Meryon et fait de ses eaux-fortes plus que des
tableaux: des visions.“
In eine realere Sprache überfetjt fagt Baudelaire Ähnliches in einer Befprecßung des
Salon von 1859, wo Meryon ausgeftellt hätte: „Par l’appret, la finesse et la certitude
de son dessin, M. Meryon rappelait les vieux et excellents aquafortistes. J’ai rarement
vu represente avec plus de poesie la solennite naturelle d’une ville immense. La
majeste de la pierre accumulee, les clochers montrant du doigt le ciel, les obelisques
de l’industrie vomissant contre le ßrmament leurs coalitions de fumee, les prodigieux
ecßafaudages des monuments en reparation, appliquant sur le corps solide de l’arcßi-
tecture leur architecture ä jour d’une beaute si paradoxale, le ciel tumultueux Charge
de colere et de rancune, la profondeur des perspectives augmentees par la pensee de
tous les drames qui y sont contenus, aucun des elements complexes dont se compose
le douloureux et glorieux decor de la civilisation n’etait oublie.“
Vielleicht cßarakterifiert Novalis in feinen Fragmenten einmal am beften, worum es
fiel) eigentlich bei einem romantifchen Erlebnis der tatfäd)licl)en Kielt Rändelt: „Die
Kielt muß romantifiert werden, fo findet man ihren urfprünglichen Sinn wieder. Indem
ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ausfehen,
dem Bekannten die Klürde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein
gebe, fo romantißere ich es.“ Diefer „romantifche Inftinkt“ brachte dem geiftigen
Intereffe der Romantik das Mittelalter wieder nahe. Victor Fjugo verfud)t in „Notre-
Dame de Paris“ einen fjymnus auf das alte Paris zu fchaffen. Beffer als ihm gelingt
es einigen feiner Illuftratoren, vor allem Daubigny, für f)olzfd)nitt un(i Stahlftid) Seg-
nungen zu bringen, in denen wirklich ein gefpenftifch-mittelalterlid)es Paris zitiert wird,
in deren wilder Romantik von zerriffenen Nächten, Gewitterwolken, malerifchen Straßen,
Kirchen und Flußufern wirklich eine geheimnisvolle Stimmung zum Ausdruck kommt.
Die Geheimniffe vergangener Gefchled)ter, die fd)auerlid)en Verborgenheiten von Lafter
und Verbrechen umgeben das tagtägliche Leben mit feltfamem Glanze. Eugene Sue
faßt folcße Stimmungsgeßalte zufammen in feinen „Mysteres de Paris“, zu denen
Daumier, Daubigny und Beaumont die Illuftrationen fchaffen.
In „Le Diable ä Paris“ fetjt eine romantifche Ironie über eben diefes Paris ein, in-
dem Gavarni und Bertall mit ihren Satiren die Effays von Balzac, Gautier, George
Sand u. a. lachend begleiten. In „Charivari“ und „Le Rire“, in Klißblättern und in
zahlreichen romantifierenden Büchern ergießen fie ihren Spott über den Bürger in

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