Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlungen
Von ruffifdjen Mufeen
Die Neuordnung und Äusdehnung der Peters-
burger Mufeen nehmen in ziemlich energifchem
Cempo ihren Fortgang, und die Möglichkeit, die
früheren kaiferlichen Paläfte zu diefem 3weck
auszunu&en, eröffnet hier oft ganz ungeahnte
Perfpektiven. In erfter Reihe kommt dies der
Ermitage zugute, welche pd) ja ard)itektonifd)
an das ehemalige umfangreiche ttlinterpalais an-
fd)ließt.
Seit dem Sommer 1922 find in der Ermitage
nunmehr auch die Sammlungen der griechifch-
römifchen und klafpfch-orientalifchen Ältertümer
in ganz neuer Äufftellung der Bepchtigung zu-
gänglich gemacht, und diefe Äbteilung füllt jetjt
das ganze Erdgefdjoß des Klen^efchen Baues
aus. Hud) die ungeheuere phypfche Ärbeit,
weiche eine derartig radikale Umgruppierung der
ganzen Äbteilung erforderte, ift zum Ceil, da ent-
fprechende Mittel fehlten, von den Mufeums-
beamten feibft verrichtet worden, denen eine
Gruppe kunftliebender Studenten in aufopfernder
Sleife zu Fjilfe gekommen war. Güenn auch jetjt
nicht überall durdjaus glänzende Refultate er-
zielt find und ein Ceil der Sammlungen wieder
magaziniert werden mußte, fo ift doch in den
ineiften Sälen gute Beleuchtung vorhanden, und
jede Überbürdung der fyfteinatifd) gruppierten
Kunftwerke vermieden. Dies fällt befonders bei
der ägyptifchen und babylonifch-affyrifchen Äb-
teilung ins Äuge, die ja früher tatfächlid) in
„ägyptifche Finßernis“ getaucht fchien. Durch
einige dem Schloß zu Pawlowsk entnommene
Bildwerke hat die Sammlung antiker Skulpturen
der Ermitage eine wertvolle Bereicherung er-
fahren.
In Erwartung eines wiffenfchaftlichen Katalogs,
den man bereits in Ängriff genommen hat, ift
vorderhand ein kurzer, illuftrierter„Führer durch
die Äntiken-Äbteilung der Ermitage“ er-
fdjienen. Prof. 0. Güaldhauer und zum Ceil
GU. Struve geben hier eine knapp gefaßte Über-
ficht der ihnen anvertrauten Sammlungen in der
neuen Äufftellung.
In gleichemFormatundanalogerÄusftattung hat
S. Crojni&kij, der jetzige Direktor der Ermitage
gleichzeitig einen „Führer durch die Silber-
galerie“ herausgegeben, in welchem, neben einer
erfcßöpfenden Einleitung über die tedjnifchen

Seiten der Silberfchmiedekunft, die f)auptobjekte
der Sammlung, nach Ländern geordnet, befchrieben
Jind. Die Silbergalerie ift eine verhältnismäßig junge
Schöpfung der Ermitage und wurde erft 1911 ins
Leben gerufen, als ihr das 1895 entftandene
Silbermufeurn des Güinterpalais übergeben wurde.
Jefet nimmt die Sammlung, die befonders in bezug
auf Cüerke franzöpfcher und englifcher Silber-
fchmiede des 18. Jahrhunderts wohl eine der
reichhaltigften in Europa ift, jenen Saal ein, in
welchem pd) früher die Gemmen und Intaglien
befanden, und ihrBeftand hat pch feit 1917 be-
deutend vergrößert. Eine ganze Reihe erftklaf-
Pger Silbergeräte, die pd) gebrauchshalber in
diverfen Sd)löffern befanden, pnd jetjt der Silber-
galerie der Ermitage einverleibt.
Das bedeutendfte Ereignis jedoch im Cüandel
der Ermitage bildet die Ende Oktober eröffnete
Flucht neuer Säle, welche ausfd)ließlid) der fran-
zöpfchen Kunft des 17. und 18. Jahrhunderts ge-
widmet pnd. Es handelt pd) hier rein äußerlich
und zum großen Ceil aud) inhaltlich um einen
ganz neuen 3uwad)s des Mufeums. Diefe neuen
Säle liegen im zweiten Referveflügel des Cüinter-
palais, wo pch einft die Privatgemächer Katha-
rinas II., der Schöpferin der Ermitage, befanden,
und pnd mit letzterer durch eine gedeckte Galerie
vereinigt. Die einftige Äusftattung wurde durch
den Brand von 1837 gänzlich vernichtet, und jetjt
ift es Älexander Benois, dem feinen Kenner
franzöpfcher Kunft und Leiter der ganzen Neu-
ordnung, gelungen, durch glückliche ülahl von
Möbelftüdken, GUandbehängen ufw. die Räume
wieder im Stil der Epoche zu arrangieren. So
wurden u. a. die vonCazotte nach Kartons von
I. Fr. deCroy gewebten tüandteppiche, die Ge-
frischte der Efther darftellend, zum Schmuck der
erwähnten Galerie verwandt, und hier fanden
aud) eine Reihe von Büften des Bildhauers
Nicolas Gillet Äufftellung, der jahrelang in
Petersburg als Direktor der neugegründeten Kunft-
akademie wirkte.
Die genaueBefchreibung undGUertung der in der
neugefd)affenen Ermitage-Äbteilung gehängten
Bilder — ein kurzes Verzeichnis foll in Bälde
erfcheinen — erfordert einen fpeziellen Äuffatj.
Vor allem fei bemerkt, daß die früheren fran-
zöpfchen Säle in der eigentlichen Ermitage ganz
unberührt geblieben pnd, und hier faft ausfchließ-
lid) Neuerwerbungen zum Vorfrijein kommen.
Nur weniges flammt aus den eigenen Lager-

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