Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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einer t£Ieltgefcl)id)te der Kunft die denknotwendige Vorausfefjung zu geben vermochte.
Äus der Änalogie weftlicßer Methode, nid)t durd) ihre Übertragung ift der (Lieg zur
Deutung öftlidjer Kunft zu fucijen.
3iet)t man endlich die praktifcbe Folgerung aus folcßer Erkenntnis, fo bleibt das
große Kapitel der Quellenkunde außerhalb des Bereiches europäifcher Forfchung im
Gebiete oftafiatifcßer Kunft. Ebenfo muß fid) die Kritik der Grenzen ihrer Möglich-
keiten bewußt bleiben. Sie wird nicht auf die Prüfung der Echtheitsfrage, auf die
Beftimmung von 3eit und Herkunft der Denkmäler zu verzichten brauchen, aber fie
wird in lebten Fragen wie denen der Meifterzuweifung fich Befcheidung aufzuerlegen
haben. Dagegen wird fie ihre Aufgabe in einer allfeitigen Interpretation und Kom-
bination der Denkmäler finden. Ihr lefetes 3iel aber ift das der Kunftgefd)id)te über-
haupt, es beruht in der zufammenhängenden Darftellung der fpezififd) künftlerifdjen
Entwicklung, als eines üeiles der gefamten Kulturentwicklung der Menfd)heit.

Chinefifche Buddha- und Bodhifatvaköpfe
Mit sieben Abbildungen auf fünf Tafeln Von OTTO FISCHER

Die Gefehlte der chinefifchen Plaftik ift heute erft ganz brud)ftückweife bekannt.
Doch läßt vieles darauf fdjließen, daß in denfelben Epochen, in denen die große
chinefifdje Malerei ihre Entfaltung und höchfte Blüte erfahren hat, an den von
der buddhiftifd)en Kirche geteilten Aufgaben auch eine große plaftifcße Kunft erwachfen
ift, deren Meifterwerke neben den Schöpfungen des ägyptifdjen und des indifchen, des
hellenifdjen und des weftlichen Kulturkreifes ihren eigenen Gehalt, ihre eigene Form
und ihren eigenen (Hert in fid) herausgebildet und vollendet zeigen. Diefe chinefifche
Entwicklung fefet wahrfd)einlid) nach den Fjan, d. ß. etwa im 3. oder 4. Jahrhundert
ein und hat unter den Sung (10.—13. Jahrhundert) ihre fpätefte und lebte Reife erlebt.
Etwa vom 7. Jahrhundert ab geben die noch in zahlreichen Beifpielen erhaltenen
japanifeßen Cempelftandbilder im Nacßklang einer zumeift kopierenden und von der
chinefifchen durchaus abhängigen Kunft ein ungefähres Bild der feftländifchen Geftaltung
und ihrer (Handlungen. Für die 3eit vom 5. bis 8. Jahrhundert bieten die aus dem
gewaeßfenen Fels gehauenen und mit Skulpturen überdeckten Hößlentempel, fpeziell von
Yün-kang und Lung-men der Forfchung ein reiches, wenn auch einfeitiges Material.
Allein das japanifche (Herk ift doch immer nicht ein eßinefifeßes, und die Buddhanifchen
der Felfentempel enthalten wohl eher die LLIerke von Handwerkern als von führenden
Meiftern, fie find uns Europäern auch uur in Photographien und Publikationen zugäng-
lich, die das Feinfte der plaftifchen Form, ja das eigentliche Erfühlen und Erleben diefer
Plaftik uns kaum vermitteln können. Es ift ein Glück, daß wenigftens einige kleine
Bronzen und eine größere 3af)i abgefcßlagener fteinerner Buddha- und Bodhifatva-
köpfe aus dem erften Jahrtaufend den (Lieg nach dem (Heften gefunden haben. So
ift es möglich, aus eigener Anfd)auung eine Reihe der bedeutendften und bezeichnenden
Köpfe zufammenzuftellen und an diefen die Eigenart der chinefifchen Geftaltung und
die verfd)iedenen Stufen ihrer Entwicklung darzulegen. Bei fold)er Befchränkung des
Cßemas werden die ünterfeßiede und Gegenfätje um fo deutlicher fprechen. Und wenn
es ohne die Anhaltspunkte der Provenienz und Datierung nicht möglich fein wird,
zeitlich genaue Beftimmungen zu geben, fo mögen die 3eitangaben nur als ungefähr
und vermutungsweife, die entwicklungsgefchichtliche Reihe dafür als um fo einleuchtender,
unbeftreitbarer und wefentlicber erfcheinen.
Am Anfang der Reihe fteht eine überlebensgroße fteinerne Kuan-yin in ganzer Ge-
walt, die 1911 in Paris zu feßen war und feitßer in das Boftoner Mufeum gelangt i]t.
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