Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Studien und Forfcljungen

anderer Kulturfphären (Kunft und Religion) und
der Volkscharaktere. iQeiterhin erfcheinen als
Hufgaben einer Kulturfoziologie Qnterfuchungen
über das Verhältnis der künßlerifchen Produktion
zu den rezeptiven Schichten und den Huftrag-
gebern. Huf diefe ttleife kann die Kulturfozio-
Konrad von Soeft
Cafel“ in Lünebu
Die Kunft Niederfachfens bildete in den letzten
Jahren mehrfach den Gegenftand erfrigfter kunft-
wiffenfchaftlicher Forfchung. Leider haben die
Ergebniffe nicht immer zur Klärung der fchwe-
benden Fragen beigetragen. Befonders deutlich
tritt das bei den Forfdjungen zur „Goldenen
Cafel“ in die Erfcheinung und ift um fo mehr
zu bedauern, als dies Hltarwerk, der einftige
Hochaltar des vormals in niederdeutfchen Lan-
den berühmten Benediktinerklofters St. Michael
in Lüneburg (jetzt imQIelfenmufeum in Hannover),
unftreitig eins der bedeutfamften merke nieder-
fächpfcher Kunft zuHnfang des 15. Jahrhunderts
darftellt.
Die neuere Forfchung hat nun mehrfach den
Hochaltar auf Grund ftilkritifcher Qnterfuchungen
dem weftfälifchen Maler Conrad von Soeft oder
doch feiner Cüerkftatt zugefprochen. Eine ge-
wichtige Stimme hat fiel) allerdings dagegen
ausgefprochen: Graf Vitzthum in Göttingifche
Gelehrten-Hnzeigen (1922,1—3). Eine endgültige
Entfcheidung muß der ftilkritifchen Forfchung
überlaffen bleiben, der unfere Veröffentlichung
nicht vorgreifen will.
Hermann Schmitz2, deffen Hrbeiten über die
Soefter und weitere weftfälifche Malerei wohl
als grundlegend zu gelten haben, hat zuerft
(es war bereits 1906), die „Goldene Cafel“ zur
Soefter Schule in Beziehung gefetjt, ohne feine
3ufchreibung zunächft näher zu begründen.
Späterhin (1917) wurde die frühere Vermutung
für Schmilz zur Gewißheit, er hielt nunmehr die
Schulverwandtfchaft der Lüneburger Cafeln mit
der Kunft Konrads von Soeft für e\£:dent3. Mit
-£-
1 Hn erfter Stelle fühle ich mich verpflichtet,
Herrn Mufeumsdirektor und Stadtarchivar Prof.
Dr. ttl. Reinecke in Lüneburg für die tatkräftige
Qnterftützung zu danken, die er mir bei meinen
Studien zur Kunftgefchichte meiner Fjeimatftadt
gewährte. Herr Prof. Dr. Reinecke [teilte das
wohlgeordnete Material des Hrchivs in uneigen-
nütziger CQeife zur Bearbeitung zur Verfügung.
3 Hermann Schmitz, Die ma. Malerei in Soeft.
Münfter 1906.
3 Herrn. Schmiß, Die deutfehe Malerei. Hand-
buch der Kunftwiffenfchjaft II, 1. Berlin-Neu-
babelsberg 1917.

logie zu einer wichtigen Hilfswiffenfcijaft für
die Kunftgefchichte werden, und es bleibt nur
offen, ob diefe Qnterfuchungen wefentlich nicht
von Kunfthiftorikern geführt werden müffen, die
die Immanenz ihres Gebietes am ficherften über-
fchauen.
und die „Goldene
f g 1 Von HANS SCHRÖDER-Hamburg
Recht wies er auf die Übereinftimmung einer
Hnzahl von Szenen, ja ganzer Figuren, auf die
Ähnlichkeit der Gefamtzeichnung und Farben-
gebung hin, die den Malereien der Lüneburger
Qafeln und anderen Hrbeiten der ttlerkßätte Kon-
rads eigen ift.
Huch P. J. Meier1 und Carl Hölker2, die beide
den Meifter aus Soeft in größeren Hrbeiten wür-
digten, fchloffen [ich derHnficht von Schmitz an.
Es kann im Rahmen diefer Hrbeit leider nicht
näher auf ihre verdienftvollen Qnterfuchungen
eingegangen werden, ttlir begnügen uns, auf
die Befprechung durch Dr. H. Fink hinzu-
weifen, der als langjähriger Hüter des Hltars
felbft umfaffende Studien zur Goldenen Cafel
anftellte3.
Ändere Fachgelehrte nahmen dagegen einen
ftark abweichenden Standpunkt ein. So fehr
Glafers4 Hrt der Forfchung über die Probleme
der Malerei des 15. Jahrhunderts anerkannt wer-
den muß, führte fie notwendigerweife dort zu
fchwankenden Ergebniffen, wo ihm landfchaft-
iiche Einzelunterfuchungen fehlten, fomit auch
für das fchwierig zu bearbeitende weite nieder-
jachpfche Gebiet. Cüir erfahren von ihm über
den Meifter Konrad von Soeft und deffen Be-
deutung für Niederfachfen nicht mehr als folgen-
des: „Nicht viel glücklicher als die Rekonftruk-
tion des Meifters tüilhelm erwies pch die Huf-
ftellung eines Konrad von Soeft, in dem die
weftfälifche Kunftgefchichtsfchreibung ihren Hel-
den verehrte. (Hohl gibt der Hltar in Nieder-
wildungen, der ausführlich pgniert und 1402 (!)
datiert ift, der Erkenntnis feines Stiles ein peperes
Fundament. Hber wieder wurde der Fehler be-
gangen, alle hervorragenden Gemälde der 3eit
auf den einen Namen zu taufen.“ In Glafers
Hrbeit wird das Lüneburger Hltarwerk, deffen
überragende Bedeutung für die Malerei um 1400
1 P. J. Meier, Qlerk und Qlirkung des Meifters
Konrad von Soeft. Münfter 1921.
2 C. Hölker, Meißer Konrad von Soeft. Münßer
1921.
3 3lfchr. des hiftorifchen Vereins für Nieder-
fachfen. 1922, Heft 1/4.
4 Curt Glafer, 3wei Jahrhunderte deutfeher
Malerei. 1916.

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