Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Studien und Forfdjungen

von anderer Seite mehrfach betont wurde, nicht
einmal erwähnt.
Faft gleichzeitig mit der ünterfudjung Glafers
erfdjien C. G. Fjeifes Buch über die Norddeutfdbe
Malerei (1918)1, das zur Förderung der Forfcljung
im Niederfädjfifdjen Kreis ein gutes Stück bei-
trug, aber unferm Hltarwerk ebenfalls nicht ge-
recht wurde. Fjeife, der das Glerk 1408—1410
anfeljt, hält einen Jjeimifcljen Künftler, deffen
Stil fidj darum fpäter in norddeutfdjen Landen
um fo fefter hätte verwurzeln können, als Ur-
heber der Malereien für wahrfdjeinlidj. Die
Kunft der Altartafeln fteht für Fjeife fdjeinbar
nicht fehr hoch, denn er fpridjt von „Ärmlich-
keit der Erfindung und Mangel an gefammelter
abgewogener Kompofition“, wodurch ihre Ma-
lereien von gleidjzeitiger franzöfifcher Kunft ab-
rücken follen. Eine Verbindung des Altars mit
dem Schaffen des (Uefifalen Konrad von Soeft,
wie Schmiß fie annimmt, kommt für fjeife nicht
in Frage, denn er vermißt auf dem Altar die
Freude an der Prachtentfaltung, die Konrads
Glerken fonft eigen fei. Er lehnt felbft eine nur
lofe Verbindung mit der übrigen weftfälifdjen
Kunft ab, von der die Lüneburger Älalereien
„durch die ganz unnaturaliftifdje Husgeftaltung,
durch die Gleichheit in Rusdruck und Bewegung“
unterfdjieden fein follen2.
Ijeife wandte fid) in feinem Buche befonders
fdjarf gegen V. C. fjabidjt, der fich bis heute
in drei Arbeiten zur Frage der „Goldenen Cafel“
geäußert hat.
Schon 19143 betonte fjabidjt in einem Auffatj
„3ur Filiation der flämifdj-burgundifdjen Ma-
lerei“ die Sonderftellung des Lüneburger Rltars,
von dem jede Qnterfudjung über die nieder-
fädjfifdje Malerei zu Anfang des 15. Jahrhun-
derts ihren Ausgang zu nehmen hätte, fjabidjt
ging damals nur in der Einleitung auf unfer Cüerk

1 C. G. Fjeife, Norddeutfdje Malerei. Leipzig
1918.
2 Im übrigen hat Ijeife die Bedeutung der
weftfälifdjen Kunft für die gefamte Malerei
Norddeutfdjlands, die auch für Lüneburg nicht
zu leugnen ift, ftark zur Geltung gebracht.
Lüneburg hatte zahlreiche weftdeutfdje Einwan-
derer in feinen Mauern, z. 3- des Cord van
Soest u.a. Cord van Dortmunde, hans van colne,
Cord van guleke, Cord westual. Es nimmt da-
her nicht wunder, in der Lüneburger Kunft um
1400 auch fonft Rnklänge an die weftfälifdje
Malerei der gleichen 3eit zu finden. Sdjmit$
wies mit Redjt auf die beiden Prozeffionsfaljnen
in Lüne ljm. die ebenfo auf die Soefter Sdjule
weifen, wie die Glasgemälde der Rathauslaube
oder der Budjfdjmuck eines Miffale in Folio im
Archiv, der von Ijeife erwähnt wird. Auch der
figürliche Schmuck eines im gleichen Archiv ver-
wahrten Sadjfenfpiegels kann herangezogen
werden.
3 Monatshefte für Kunftwiffenfdjaft. VII. Jahr-
gang 1914, Fjeft 12.

ein. Darin glaubte er als gewiß vorausfagen
zu können, daß es ausgefdjloffen bleiben müffe,
die Lüneburger Altartafeln als rein niederfädjßfch
zu bezeichnen. Er hielt vielmehr einen offen-
sichtlichen Fall von einer Berufung burgundifch-
flämifdjer Meifter für vorliegend, die durch die
nahen Ijandelsverbindungen zwifdjen Lüneburg
und Flandern zu erklären fei. Die gleiche An-
ficht vertrat Ijabidjt (1919) in feinem Buche „Die
mittelalterliche Malerei Niederfadjfens I“1, ließ
aber fdjon hier die Frage einer Mitarbeit Kon-
rads von Soeft offen. Die tlnentfdjiedenljeit
Ijabidjts fpridjt auch aus feiner lebten Arbeit
(1922) über den Lüneburger Altar2. Ijier ftellt
er zunädjft einen Franzofen oder einen Flamen
als ürljeber hin. Aber fdjon wenige Seiten
fpäter ftößt er diefe Anfidjt um und weift nun
auf das „Gemeinfam-Niederfädjfifdje“ ljia, das
den Meifter des Altars mit feinem Lüneburger
Wirkungskreis verbindet. Er fagt wörtlich:
„Ein bei Klaus Slüter, dem Niederfadjfen —
nehmen wir an — an der Quelle der neuen
Kultur und Kunft ausgebildeter Stammesgenoffe
als der Ijauptmeifter der goldenen Cafeln —
dies wäre in der Cat das denkbar fympatljifdjfte
und auffdjlußreidjfte Ergebnis einer Glirklidj-
keitsforfdjung, das wir uns vorftellen können.“
In einer Anmerkung (5) gibt der Verfaffer außer-
dem auch noch die Möglichkeit zu, daß als Ge-
hilfe kein geringerer als Konrad von Soeft felbft
an den Cafeln gearbeitet haben könnte.
Man erkennt aus den herangezogenen Ar-
beiten zur Genüge — auf die tlnterfudjungen
von Paul3 (1913), Dexel - Brauckmann4 * (1915)
und Struck6 (1916), die ebenfalls zur Fragestel-
lung nehmen, möchte ich der Vollftändigkeit
halber nur kurz ljmweifen — wie weit die Mei-
nungen über die Beziehungen Konrads von Soeft
zur goldenen Cafel auseinandergehen.
Deshalb ergibt fich mit zwingender Notwen-
digkeit die Forderung, daß umfaffende Ardjiv-
forfdjungen in niederdeutfdjen Städten einfe^en
müffen — deren Archive leider bisher erft wenig
zu kunftljiftorifdjen Studien benutzt worden find
— um die Ergebniffe der fehr von einander ab-
weichenden ftilkritifdjen Erwägungen zu er-
gänzen. Befonders kommt dafür auch das Stadt-

1 V. C. Ijabicht, Die ma. Malerei Niederfadj-
fens I. Sraßburg 1919. (Ijeitj)
2 V. C. Ijabidjt, Die goldene Cafel. Bremen
1922.
3 Max Paul, Sundifdje und Lübifdje Kunft.
Berlin 1914.
4 Dexel - Brauckmann, Lübecker Cafelmalerei
in der erftcn Ijälfte des 15. Jahrhunderts. 3tr<hr-
des Vereins f. Lüb. Gefcljidjte und Altertums-
kunde. Band XIX, Lübeck 1918.
6 Struck, 3ur Kenntnis der Lübeckifdjen Cafel-
malerei und Plaftik in der 1. Ijälfte des 15. Jahr-
hunderts. Mitt. d. V. f. Lüb. Gefdj. Fjeft 13,
Nr. 7 u. 8.

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