Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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DTE ZEIT UND DER MAR ii T

Sammlungen
Florenz
Neben der bereits begehenden mediceifcben
Strafkammer im Palazzo Pitti, die gleichzeitig
eine gründliche Neuaufteilung erfahren hat,
werden demnäcbft in mehreren Prunkfälen des
Erdgefchoffes die Sammlungen von Gemmen,
Juwelen und Goldfcbmiedearbeiten aus dem Befif
der Fjerzöge von Coskana ihre endgültige Auf-
teilung finden. Es handelt fich dabei vor allem
um die 84 Stücke, die nach 1737, trof den gegen-
teiligen Beftimmungen des Ehevertrags zwifcben
der leften Mediciprinzeffin und dem Großherzog
Franz II. von Lothringen, nach Cüien auswan-
derten und infolge des leften Krieges wieder
nach Italien zurückkehrten. Der neugeordnete
Kronfcbaf von Coskana wird außerdem die
Reicbtümer des fogenannten Gemmenkabinetts
der Gfpzien aufnehmen, wodurch weiterer Raum
für die fo glücklich in Angriff genommene Neu-
aufteilung der weltberühmten Galerie gewonnen
wird. Ferner foll auch die Sammlung L.Carraud
aus dem Bargello in den Ceforo di Coscana
überfiedeln. — Die neue Sammlung dürfte dem-
nach an Reichhaltigkeit und Cüert alle derartigen
Schafkammern bei weitem übertreffen. n.
(IlinterUjur
Am 3. November beging mit einem würdigen
Feftprogramm der Kun [tv erein die Feier feines
75jährigen Beftebens. Außeres Dokument diefer
für das Schweizer und europäifcbe Kunftleben
vielbedeutenden Catfache ift die im Mufeum
eröffnete große Jubiläumsausftellung, die von 35
eingeladenen fcbweizerifcben Kündern befcßickt
wurde, die mit dem ülintertburer Kunftverein
in freundfcbaftlicber Beziehung fteben.
Mit einer feltenen Creue gegenüber feinem
urfprünglichen Programm hat es der Kunftverein
während der langen Dauer feines Beftebens ver-
ftanden, in vorbildlicher Uleife eine Kulturarbeit
zu leiten, die fich heute immer mehr als ein
befonderes Ruhmesblatt in der Gefcbicbte des
Schweizer Geifteslebens während der leften hun-
dert Jahre erweift. Diefem unentwegten Cüirken
eines kleinen Kreifes begeifterter Kunftfreunde
und Sammler dankt nicht zuleft auch das fcböne
Mufeum in ülintertbur felbft feine Entftebung,
das heute zu den reizvollften Sammlungen diefer
Art in Europa zählt. Nicht nur der berühmte
Anton-Graff-Saal, der ein kunftgefcbicbtlicbes
Dokument von einzigartigem Reiz darftellt,
gibt diefer Sammlung ihre europäifcbe Bedeut-
famkeit, auch die neuere Kunft fcblecbtbin
hat hier in kleinem Rahmen eine vielfagende
Repräfentation gefunden, fo febr dabei natur-
gemäß auch der Fjauptnad)druck auf dem fcbwei-
zerifchen Kunftfcbaffen liegt. Daß Deutfcbland

in diefem 3ufammenbang gegenüber Frankreich
ftark oder beinahe ganz zurücktritt, ift vielleicht
zu bedauern, obwohl die tieferen Gründe dafür
nicht verkannt werden dürfen. Das Seltene
aber ift an diefer prachtvoll gefcbloffenen Samm-
lung, daß fie pcb immer wieder, beinahe auto-
matifcb, durch die Leihgaben der Clintertburer
Sammler erneuert, die es feit langem als ihre
vornebmfte Pflicht betrachten, einen Ceil ihres
Kunftbefitjes für längere 3eit im Mufeum zu
deponieren und damit für die breitere Öffent-
lichkeit fruchtbar zu machen, denn einmal in
abfehbarer 3^it die fo notwendig gewordene
Gefcbicbte des Sanimelwefens unjerer Generation
gefchrieben werden füllte — reizvollfte Aufgabe
für einen wahrhaft europäifcb orientierten
Geift — dann wird das dintertbur vorbehal-
tene Kapitel zweifellos zu den intereffanteften
diefes Buches gehören, das hier Sammler wie
die Brüder Reinhart (die mir perfönlicb bisher
nur bekannt gewordene Sammlung des Fjerrn
Oscar Reinhart gehört nach Großzügigkeit des
programmatifebcn Aufbaus und nach Qualität
der Objekte zu den bedeutendften Catfachen
diefer Art in Europa), ferner Dr. Fjabnlofer
und der verdiente Präfident des Kunftvereins
Richard Bübler als Exponenten praktifcber Kunft-
pflege geleiftet, wie hier wahrhaft vornehmes
Mäzenatentum in die Stille eines enggefpannten
ftädtifcben Gemeinwefens künftlerifcbeBewegung
und lebendige Freude hineingetragen haben, ift
als Dokumentation echten Bürgerfinns fo einzig-
artig und vorbildlich zugleich, daß man unwill-
kürlich an die berühmten Catfachen früherer
Jahrhunderte denken möchte. Sammelbecken all
diefer fo vielfeitig orientierten Beftrebungen aber
ift der dintertburer Kunftverein, der in feinem
Konfervator Dr. Paul Fink (der diefen Poften
nur nebenamtlich bekleidet), einen nicht minder
begeifterten Förderer hat. Deffen ftille, auf-
bauende Arbeit gilt nicht nur dem 3ußande-
kommen der Ausheilungen, fondern vor allem
auch dem Ausbau der öffentlichen Sammlungen,
unter denen Bibliothek und grapbifcbe Abteilung
nicht an letzter Stelle fteben. Eine kleine 3wei-
monatszeitjcbrift unter dem Citel „Das grapbifcbe
Kabinett“, das die Mitteilungen aus den Samm-
lungen des Kunftvereins dintertbur in gefd)ickter
deife mit dem jeweiligen Ausftellungskatalog
verbindet und daneben noch PlaÖ für größere
Beiträge bereitftellt (in den letjten FJeften ein
lefenswerter Auffatj Dr. Finks über die Gale-
rien im Louvre und im Luxembourg), hält nicht
nur die Verbindung unter den Mitgliedern wad),
fondern ift zugleich auch derbeorgan nach außen
für diefe mit 3ielfid)erbeit und Großzügigkeit ge-
übte lebendige Kunftpflege, die uns Deutfcben
heute wie ein Märchen anmutet, uns die
wir einmal fürftliches Mäzenatentum befaßen
und in allen Cbeorien der Kunfterziebung

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