Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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DIE ZEIT UND DER MARKT

Sammlungen
Neuordnung in den Kölner Samm-
lungen
In der fchwierigften 3eit wird die durch-
greifende Neuordnung der Kölner Mufeen zäh
und zielbewußt durchgeführt. Kaum ein deut-
fches Mufeum hat einen fo gewaltigen Auf-
schwung genommen wie das Sd)nütgen-
Mufeum. An Stelle der ikonographifchen
Reihen, der lokalen Cypen ift die künftlerifche
Qualität getreten. Nicht ein Ulald von Fälligen
und Geräten vertritt jetjt in Köln die djriftliche
Kunft, fondern das Meifterwerk der Epochen.
Der romanifche Chriftus von St. Georg, die
frühgotifche Friefenmadonna und die Bopparder
Figürchen geben die größten Eindrücke. Daß
gerade die bedeutendften Stücke dem Rhein-
land entftammen, macht die Sammlung in Köln
lebendiger und bedeutfamer, ohne daß fie fid)
in die künftlerifchen Niederungen der Kultur-
gefd)id)te zu begeben brauchte. Die rheinifche
Kunft wird nie im Raum ifoliert, es laufen aus
dem Rheinland zuviel Fäden nach allen Seiten,
als das diefer Verfud) überhaupt möglich wäre.
Schließlich würde eine foldje Einteilung auch
den Schäden des Mufeums nicht gerecht. Man
hat jefjt im oberen Stockwerk die Epochen von
der Spätgotik bis zum Rokoko neu geordnet.
Die tüände haben einen ftarken aber ftets glück-
lich gewählten Anftrid). Die Sammlung ift
gründlich) gefidjtet und um feltene Meifterwerke
— vor allem aus dem Bepß des Direktors Dr.
Cüitte — fo beträchtlich) vermehrt worden, daß
eine ausreichende tüürdigung breiteren Rahmen
verlangen würde. Alle Künfte find zufammen-
gebracht, doch fo, daß die öauptftücke — etwa
der Hieronymus des Jan de Kock — genügend
ilofiert erfcheinen. Die fdiönen Cafeln des
Severing-Meifters wurden glücklich wieder
hergeftellt. Unter den früheren Stoffen fällt ein
herrliches Stück aus St. Emmeran in Regens-
burg auf. Kunfthiftorifd) bedeutfam ift eine
Stickerei aus St. Kolumban in Köln, deren zeid)-
nerifcße Vorlage gefunden wurde, ohne daß
die Cechnik der genauen Reproduktion bekannt
wäre. In die früher unmögliche Kapelle fügt
fid) der in Köln einzige Beßtj italienifcher Kunft
fehr gut ein. Das Giotto-Kreuz, ein Ghirlan-
dajo und die Donatello-Plakette feien aus der
kleinen aber fehr gewählten Sammlung er-
wähnt. Eine Vitrine bringt Beifpiele aus Oft-
europa. Bei Stoffen und Paramenten des Barodt
liegt oftafiatifcher Einfluß klar zu Cage. Export-
ftickerei ift fd)on bei einer für 1769 im Gebrauch
nachgewiefenen Kafel verwandt worden. Die
Serie der nach den Entwürfen von Rubens an-
gefertigen Gobelins entftammt dem Dom. 3u
den gewaltigften Eindrücken gehört der um

1620 angefetjte Sandftein-Chriftus des Gerhard
Gröninger aus Münfter. In einem Seitenraum
wird Bauernkunft vereinigt, Glasbilder, Hunger-
tücher und Plaftik, in der Gotik weiterlebt. Bei-
fpiele der Barock- und Rokokofkulptur beweifen,
daß auch das Rheinland ein würdiges Arbeits-
feld für Brinkmann abgeben wird.
Gleichzeitig mit den neuen Räumen des
Sd)nütgen-Mufeums erfd)loß Prof. Dr. Schäfer
Spätgotik und Renaiffance im Kunftgewerbe-
Mufeum. An der alten Aufteilung nach Ced)-
niken hält man wohl nur noch in überkonfer-
vativen Mufeen feft (etwa im Kenfington in
London und im Cluny in Paris). An deren
Stelle tritt heute die künftlerifche Reihung der
3eit, ein Kunftzweig bekommt dann höch-
ftens eine Vitrine im Raum. Für die nach dem
Innenhof gelegenen 3>mmer war man auf Re-
naiffance durch Einbauten feftgelegt. Das früher
ganz fchlechte Licht ift durch hellen Anftrid)
fehr verbeffert worden, ein Gelb im Nebenraum
fteht etwas unvermittelt auf tUeiß. Steinzeug
von Köln, Frechen, Raeren, Siegburg und dem
Ulefterwald, befitjt das Kölner Mufeum wie
kaum eine zweite Sammlung. An Stelle der er-
müdenden Reihe ift jetjt eine Auswahl getreten,
die fid) auf die bedeutendften Stücke befchränkt.
Der erfte Raum der Seitenfront greift mit den
Glasfenftern des Altenberger Doms etwas zurück.
Mit Siegburger Steinzeug, glaßerten Hafner-
arbeiten aus Süddeutfchland und Köln hängen
Bilder des Bruynkreifes, ftehen Möbel und Ge-
rät. Aud) diefe Aufteilung greift über Köln
hinaus, vermeidet Kulturgefd)id)te und zeigt in
der Ordnung eine aud) für den Nid)tfpezialiften
fühlbare ernfte Arbeit. In den beiden lebten
Räumen geht dieRenaiffance-Entwickiung weiter,
teilweife an erlefenen Beifpielen für Glas, Edel-
zinn und Meffing aufgewiefen. Sehr glücklich
ftehen Vitrinen auf Cruhen und dem Unterteil
von Schränken. Nur Kleinigkeiten find manch-
mal unerträglich, ein tUeihwaffergefäß kippt mit
breitem Fuß oben auf der fchmalen FJolzleifte
einer Vitrine, ein Celler überfdjneidet ftehend
ein Bild. Es ift kein gutes Prinzip, immer nod)
mal was obendrauf zu bauen, tüenn die Neu-
ordnung als Ganzes einen fo ausgezeichneten
Eindruck hinterläßt, fo liegt das auch daran, daß
eine einheitliche Qualität gezeigt wird. Man
ftelle fid) nur einmal vor, daß als Bildbelebung
ein Dürer verwandt würde! Eine Säuberung
verdient jetjt der Umgang des Lid)thofes.
Alfred Salmony.
Gemäldereftaurierung in der Mün-
chener Pinakothek
Die mühevolle Tätigkeit der Gemäldereftau-
ratoren an den großen ftaatlichen Sammlungen
liegt nod) immer zu fehr im Dunkel. Cüenige
ahnen, mit welcher Umfid)t und 3äl)igkeit hier

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