Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Studien und Forfdjungen

Stromer Kunftkabinett) find lange nid)t fo ge-
wichtig wie die über das Jugendbildnis. 5. Man
hat entdeckt, daß der Kopf des Einpedlers Paulus
auf dem Ifenheimer Altar dem auf der Erlanger
3eid>nung einigermaßen ähnlich) ift.
mir können eine neue wichtige Beziehung der
rätfelhaften Erlanger 3eid)nung aufzeigen, Hln-
feres Erachtens ift nämlich der Fjenker auf der
großen Dornenkrönung Fjolbeins d. Ä. im Städel,
der Chriftus in halbkniender Fjaltung das 3epter
der Schmach reicht, identifd) mit dem Manne,
den das Erlanger Blatt — nur ein wenig ge-
altert — darftellt. Daß Fjolbeins Kopf, auch un-
geachtet der genannten Beziehung, Porträt ift,
zeigt fchon ein Blick auf die anderen Fjenker-
phyfiognomien des Bildes, die mehr karikiert als
charakterifiert find. Nun haben der Fjenker und
fein ganz anders ausgezeichnetes Erlanger Gegen-
ftück beide genau diefelbe zurückßiegende Stirn
(als auffallendfte und wichjtigfte Ähnlichkeit),beide
auch diefelbe Bildung der Äugenpartien (wenn
man fich den Erlanger Kopf mehr ins Profil ge-
dreht denkt, wird die Verwandtfchaft noch deut-
licher); diefelbe ein wenig zu große Nafe mit
dem kräftigen Rücken und den gefchwungenen
Flügeln — die etwas karikierte Form des Fun-
kers hat eben der Fjenker; diefelbe Bildung
der länglichen Ohren, woraus allein Morelli
HHIeittragendes gefolgert hätte; und fjaar- und
Barttracht, die fich nur wenig unterfebeiden,
mochten fich leicht geändert haben, denn man
wird zwifchen die beiden Darfteliungen eine ge-
wiffe 3e'trPanne zu fetten gezwungen fein, die
die gleichmäßigere Ausbildung aller Gefichisteile
auf der Erlanger S^cfrnung gut erklärt.
märe damit etwa der lang gefuepte Beweis
für die Schülerfcßaft Grünewalds bei rjoibein d. Ä.
gebracht? Oder ift der Ruf der Erlanger 3ßich-
nung als Selbftporträt Grünewalds hinfällig?
Man wird kaum fehlgehen, wenn man den Fjol-
beinfehen Fjenker auf etwa 30 Jahre fchätjt, je-
denfalls nicht viel darunter. Rieffel1 gibt dem
Manne des Erlanger Blattes 50 Jahre, HHIenn
Grünewald jemals Schüler Fjolbeins war, dann
1 Kunftchronik 1920.

kaum mehr im Älter von 30 Jahren, mir haben
freilich) keinen genaueften Beweis dafür, daß der
Ifenheimer Ältar von einem Dreißiger gefchaffen
wurde. Aber die Maßlofigkeit des Sagen-mollens
im einzelnen diefes merkes läßt fich) kaum bei
einem Fünfziger denken. Denn wir können nicht
umhin: es befteht Verwandtfchaft zwifchen dem
Ifenheimer Einpedler Paulus und dem Manne
der Erlanger 3eidlnang — und dann auch) dem
jüngeren Fjenker Fjolbeins. HHIer ift die rätfel-
hafte Geftalt? Daß Fjolbein auf feinen Frank-
furter Cafeln Porträts untergebracht hat, lehrt
allein das genauere Betrachten, felbft wenn wir
von der Identifikation Sigmund Fjolbeins mit
dem Fjäfcher, der hinter dem kreuztragenden
Chriftus fteht, nichts wüßten1. Man nahm alfo
offenbar keinen Änftoß daran, fich) unter dem
Fjenkergefindel zu fehen.
mir müffen Oskar Fjagen2 beipflichten, der be-
kennt, zwifchen dem Mann der Erlanger 3eich-
nung und dem von Sandraert veröffentlichten
Jugendbildnis Grünewalds keine mögliche Be-
ziehung fehen zu können. Noch weniger na-
türlich zwifchen diefem und dem Frankfurter
Kopf. (Es fei auch) darauf hingewiefen, daß
manches [z. B. die Form der Nafe] bei dem
zweiten Sandraertfchen Stich noch auffälliger
auf den Frankfurter Fjenker zeigt als bei der
Erlanger 3oichnung, wiewohl der Anteil des
Stechers zweifelhaft bleibt.)
Des Rätfeis einfachste Löfung wäre die, in
dem Fjoibeinfchen Kopf ein Porträt Grünewalds
zu fehen. Dann müßten wir aber auch in dem
Paulus Eremita den Meifter erkennen. Es ift
ein und derfelbe Menfch in Frankfurt, Erlangen
und Ifenßeim, jedesmal nur um einige Jahre
älter. Ift es Grünewald in drei verfchiedenen
Lebensaltern? Alle inneren Gründe fprechen
dagegen, mir kennen den Mann nicht und
wollen auch keine neue Fjypothefe hinzufügen.

1 5- meizfäcker, die Kunftfchätje des Domini-
kanerklofters in Frankfurt a. M. München 1923,
S. 81 ff.
2 Grünewald, 3. Äufl., S. 245f.

Kunftgefchidhte und Kulturfoziologie
Von A. STANGE

In der Erinnerungsgabe für Max meber: Die gegenüber dem fozialen Hintergrund, den öko-
Fjauptprobleme der Soziologie (Duncker & Fjum- nomifchen und gefellfchjaftlichen Verhältniffen
blot, München 1923) findet fich ein Äuffatj unterfucht. Liegt es im HHIefen der Einzel-
E. Lederers über die Aufgaben einer Kultur- wiffenfehaften von der Immanenz für ihr Gebiet
foziologie, der auch) von kunfthiftorifcher Seite auszugehen — fo lange es möglich) ift; von der
ernfte Beachtung verdient. Lederer verfteht Frage, inwieweit eine Neufcböpfung eine logifche
unter Kulturfoziologie eine miffenfehaft, die die meiterentwicklung früherer Geftaltungen ift, fo
Abhängigkeit, mechfelwirkung oder auch Be- wird die Kulturfoziologie fragen, inwieweit jenes
ziehungslofigkeit der verfchiedenen Kulturgebiete Neue vom fozialen Hintergrund her verbanden

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