Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Der Fayencemeifter L. S. und feine (Ilerkftätte
Mit 14 Abbildungen auf vier Tafeln Von RICHARD STETTINER

I.
In [einen grundlegenden keramifchen Studien h>at Klalter Stengel zuerft mit einem
Monogramm aus L und S bezeid)nete deutfche blaubemalte Fayencen aus den erften
Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts zufammengeftellt. Die 3al)l der bekannten Arbeiten
hat [ich [eitdem nur um zwei vermehrt.
Ich gebe zunächft das Material.
1—5. Fünf vierseitig abgeflachte Flafchen (Äpothekergefäße), beftimmt, oben mit einem
Schraubdeckel aus 3inn verfdfloflen zu werden: zwei im Kunftgewerbemufeum zu Dresden
(4332 — Äbb. 3 — und 6270), eine im Germanifchen Nationalmufeum zu Nürnberg
(HG 2405), eine im Mufeum zu Schleswig (Äbb. 4), eine — 1919 erworben — im
Mufeum für Kunft und Gewerbe zu Fjamburg (Äbb. 1). Alle fünf Flafd)en tragen auf
einer Seite das sächfifche Klappen, ein Monogramm aus J G H V S und ferner die Bud)-
Jtaben HVCZS (Johann Georg Fjerzog von Sachfen, Fjerzog und Curfürft zu Sachfen),
endlich die Jahreszahl 1618. Die Sdfleswiger Flafd)e ift auf der dem Klappen gegen-
über [tehenden Seite mit einem Spruche verfehen: ALLEN DIE MICH KENEN GEB GOT
WAS SIE MIER GÖNEN. GEN MIER EINER WAS ER WIEL SO GEB IN GOT
3 MAL SO VIEL. Alle übrigen Seiten der Gefäße find mit [treng pilipertem Pflanzen-
ornament gefchmückt, fymmetrifd) um eine [enkred)te Ächfe, zumeift in aufftrebender
Richtung, geordnet. Das Äusfehen diefes Ornaments wird durch große Blüten beftimmt,
deren tulpenähnliche Kelche öfters mit frucßtartigen Knollen gefüllt erfcheinen. Gleiche
Blüten auch bei der einen Dresdner Flafche (6270) in den 3wi^cln, die durch den
Übergang des vierfeitigen Körpers zu den runden, park eingezogenen Fjals- und Fuß-
ftücken entfteßen. Bei den vier übrigen Flafd)en außer dem gemalten auch plaftifcher
Schmuck: An den vier Kanten des Körpers Karyatiden als Cräger eines Kettenmufters,
das den oberen Bogen der Seite umgibt. Eine herumlaufende Kette ferner als Trennung
von Körper und Fuß. In den 3wickeln oberhalb der Karyatiden und unterhalb derfelben
kleinere Ornamente — Engelsköpfe, Rofetten, groteske Masken. Das Monogramm ift
ftets unten etwas feitwärts an einer der Flächen angebracht.
6. Runde Schale über niedrigem Standring, in Berlin, Schloßmufeum (K 2347), vgl.
Äbb. 6. Sie ift außen mit dünner, fleckig bläulicher Glafur, durch die Drehrillen pcßtbar
find, innen mit dickerer, gleichmäßig bläulicher Glafur überzogen. Innerhalb eines am
Rand herumlaufenden dichten Lorbeerkranzes eine allegorifche Figur in antik gedachter
Eracht, einen geflügelten Scßlangenftab haltend. Daneben die Infchrift RHETORICÄ.
Meifterbezeichnung unten neben der Figur: Monogramm, FJausmarke und 1618.
7. Kleine Schale mit Fuß, im Beflt* des Fjerrn q, Lockner in Klürzburg (Äbb. 7).
Das etwas nach oben gewölbte Mittelrund mit dem Klappen der fränkifchen Ädels-
familie von Giecß, darüber die Buchftaben HEVG, feitwärts 16—21. Der breite Rand
mit plaftiflhem Schuppenmufter, das gepridjelt fdjattiert ift. Das Monogramm befindet
pd) in der Mitte der tlnterfläche.
8. Pokal in Geftalt einer Töpferfcßeibe, in Berlin, Scßloßmufeum (82, 1163) vgl.
Äbb. 5 und 8. Über einem quadratiflhen, niedrigen, kaftenförmigen, vorzüglich getöpferten
Fuß der eigentliche Becher; auf einer runden Scheibe erheben pd) fecßs runde Stütjen,
die den runden glattwandigen, nach oben hin pd) etwas erweiternden Fjohlraum tragen;
auf diefem fdjeibenförmiger Deckel. Löcher im ünterfatj und im oberen Keil verraten
eine urfprünglid)e Verbindung, die es ermöglichte, den Becher über dem Fuß wie eine
Cöpferfd)eibe in drehende Bewegung zu [eßen. Einfache geometrifche Ornamente und
vorzüglich gezeichnete Infchriflen pnd der gemalte Schmuck des Stückes. Auf der Oberfeite
des Deckels: TRAVW SCHAW WEM (Abb. 5). Auf dem Rand des Deckels: ICH PRING
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Der Cicerone, XV. Jal)rg., ßeft 2

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