Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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B u d d ß i ft i fd) e Bronzeköpfe aus Siam
Mit acht Abbildungen auf zwei Tafeln Von ERNST DIEZ

So abgefcßloffen Klien heute vom Orient und gar vom fernen Often ift, mangels
einer eigenen Flotte fowoßl, wie auch befonders durch das ruffifcße Cßaos, das
uns den früher fo beliebten und einfachen Kleg durct) die Ukraine zum Kaukafus
unmöglich) macht, gelangen doch) noch) ab und zu Kunftdenkmäler auch) des fernen
Oftens hierher, wie die hier vorgelegten Bronzeköpfe beweifen. Sie wurden vor etwa
einem Jahre aus Rußland nach) Klien gebracht. (Hann und wie fie aus Oftaßen nad)
Rußland kamen, kann ebenfowenig gefagt werden, wie ißr letzter ruffifcßer Beßrer
genannt werden kann. Die Köpfe waren nicht gerade für Klien beftimmt, hatten viel-
mehr Kurs nach) einer wefteuropäifcßen 3entrale, wurden jedoch in ißrer Reife von
einem Kliener Kunftßändler aufgeßalten, der durd) diefe glückliche Erwerbung einen
fcßönen Beweis für guten Inftinkt geliefert hat.
ßandelt es [ich auch nur um abgefcßlagene Köpfe — alfo um eine ed)t tatarifcße
Kollektion — fo geben uns diefe doch eine faft vollftändige Entwicklungsreihe der
buddhiftifchen Plaftik in Siam von ihrer Blütezeit um die Klende des erften Jahr-
tausends bis ins ßebzeßnte Jahrhundert — und darin liegt eben die Bedeutung diefer
Reihe, die als ganze von einem Mufeum erworben werden müßte.
Eine möglichft knapp gehaltene Befcßreibung diene zur Einführung in die hier ßerr-
fchenden Stilelemente.
Äbb. 1 gibt einen überlebensgroßen Buddßakopf von 37 cm F)öße aus goldbrauner
Bronze ohne Patina wieder. Der Schädel hat den gewöhnlichen buddhiftifchen Aus-
wuchs, deffen für Siam typifeße Flammenfpifee jedoch abgebrochen ift. Die Fjaare
ßnd in einzelne von rechts nach links gedrehte Löckchen geordnet. Die Ohren haben —
wieder nach buddhiftifcher Symbolik — lang herabgezogene Lappen. Das Antlitj ift
faft viereckig, kaum höher als breit, fettunterpolftert und plaftifch modelliert. Die
Nafe ift edel geformt mit breitem Nafenrücken; die Übergänge zu den Äugen ßnd
natürlich, die Äugen gefenkt, die Äugendeckel dagegen auffallend hoch, die Pupillen
mit abgefetjten Konturen umrändert, die unteren Augenlider ebenfalls durch Konturen
zeichnerifch abgehoben. Den Mund umfpielt ein Lächeln, das durch die Kräufelung der
Lippen fowie plaftifch deutlich durch die Klangenfcßwellungen zum Ausdruck kommt.
Das Kinn verßnkt faft in den Fettpolfterungen der unteren Geßchtshälfte. Der Mund
felbft ift durch vertiefte Konturen zeichnerifch umrändert, die Unterlippe in zwei üeilen
gepolftert, die Mundwinkel find übermäßig vertieft. Der fjals befteßt aus drei Fett-
ringen.
Äbb. 2 gibt einen überlebensgroßen ovalen Kopf von 60 cm Fjöße mit feßwarz-
grüner Patina wieder. Die Flamme feßlt auch hier. Die ßaarlöckcßen ßnd im Gegen-
fatj zu Äbb. 1 von links nach rechts eingerollt. Die Nafe hat im Gegenfatj zur
Idealnafe des früheren Kopfes raffigen Charakter, der fieß in ißrer Gebogenßeit und
im allmäßlicßen Übergange des Rückens zu den Seitenwänden zeigt. Kontraftierend
zu diefer realiftifcßen Nafe ßnd die Äugen mit den ßoeßgebogenen, faft kreisförmigen
Brauen, von denen Scßrägfcßnitte zu den ßalbkugelförmig gewölbten, unnatürlich
ßoßen Äugendeckeln einfpringen, in die fcßmale halbmondförmige Öffnungen einge-
feßnitten ßnd. Die eingefetjten Pupillen aus Fjalbedelfteinen ßnd ausgebrocßen, ebenfo
das Steincßen, das in die kleine Grube zwifeßen den Äugen, als urna — geiftiges Äuge—
eingefetjt war. Die Augenränder find nicht ausgedrückt. Der Mund ift ein masken-
haftes ornamental umrändertes Gebilde, deffen Lächeln in den ftark aufwärts ge-
zogenen Mundwinkeln erftarrt ift. Das Kinn hebt fieß polfterartig von der Fettmaffe

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