Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 427
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0451
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Paolo Veroaefes „Raub der Europa“

Mit einer Tafel

enedig feßen und neben den anderen Großmeiftern der Republik im Reiche der


Kunft den Veronefen erleben, ift eins. Und trotzdem i[t es merkwürdig, daß

v diefer fabelhafte Meifter großßguriger Kompoßtionen, Interpret zeitgenöffifcßen
Lebens, Maler von Verve und typifcß venezianifcßem Farbenklang immer noch hinter
den Cizian, üintoretto [o bedeutend zurückfteßt; daß, während faßr für Jahr dickleibige
Bücher über jene erfcßeinen, noch nie der Verfucß gemacht worden ift, das Lebens-
werk diefes Paolo Caliari grundlegend zufammenzufaffen. (Anfäße dafür, aber meift
unzureichend, find zumal in der italienifcßen kunftgefcßichtlicßen Literatur vorhanden.)
Und doch follte fchon eine einzige (Uanderung durch den Dogenpalaft davon über-
zeugen, daß diefer Veronefer, der verhältnismäßig früh feine herrliche Fjeimatftadt ver-
läßt, um fiel) der Lagune zu vermählen, einer der größten Verkörperer feiner 3eit ge-
wefen ift, die zwar dekorativ nicht mehr jene formale Gebundenheit und aus der Fläche
herausfpringende Monumentalität befrist, wie fie nod) dem Quattrocento eignet, die aber
auf der anderen Seite eine Fülle finnlid)en Erlebens vor uns auftut, das mit jedem
neuen (Uerk diefes Meifters den 3auber der Lagunenftadt dreimal unterftreid)t. —
Klären es nur Dokumente der 3eit, was diefer Veronefe zu vergeben hat» Illuftrationen
und Fjymnus auf die Königin der Meere, hätte feine Kunft immer noch Änfprud) an
die Fjiftorie an fid). Aber Paolo Caliari gibt mehr als das:
Die 3eit, die ihn umkreift, ift antikifcß gefd)wängert, ift voll jener inneren Glori-
ßzierung, die jede klaffifche Tradition als eine beinahe felbftverftändlid)e Attrappe ihres
eigenen Seins empfindet. Raub der Europa? Geht es um Cypern, Kreta oder andere
Infein des Mittelmeers, Symbol wird ovidifd)e Götterwelt für die Caten der Republik.
Und Interpreten diefes ruhmvollen Seins find die Maler, die Verkünder deffen, die an
den Decken und (Händen des Dogenpalaftes aus der Überlieferung der klaffifcßen
Sagen heraus das üatfäcßlicße des Fjeute und Morgen illuftrieren. Venedig aber will
diefe (Uunder feßen. So machtvoll war um 1550 kein Staat in Europa, wie diefe
Republik der Krämer, die vor eigener Glorifizierung niemals zurückgefcßreckt ift. Darum
find die Eizian, die Eintoretto und Veronefe nie anders zu begreifen denn als Diener
ihres Staates, ausgreifend in der Freude um die gegebenen Errungenfchaften, Ver-
künder ihres Ruhmes — als Maler aber dennoch eingebettet in das Licht der Lagune
und den 3auber Venedigs. —
Ob es 3ufall ift, daß jener Paolo Caliari aus Verona gerade den Raub der Europa
fo oft gemalt hat? Sein Hauptwerk im Dogenpalaft, das diefem Eßema gilt, fteht un-
zweideutig feft. Aber daneben gibt es mehrere Varianten, und die hier reproduzierte
aus dem Befife der Bachftitj-Galerie im Fjaag ift eine der heften. Genau wie jenes
Bild im Dogenpalaft ift auch diefe vollendete Studie aus einem Rofa, Blau-Grün, Rot
und Gelb als eine Melodie geformt, in die das goldgelbe Euch, das die Dienerin um
die Erwählte legt, das (Heiß der Ärmel, das Lila des Kleides jener Dienerin, der weiße
Leib des Stieres und nicht zuleßt die bräunlich-grünen Eöne der Bäume und Sträud)er
(von dem blauen Fjimmel mit weißen (Holken ganz zu feßweigen) mit fonoren Moll-
akkorden hineintönen. Ein venezianifd) typifeßes (Uerk und in der Vollendung des
3eicßnerifchen und Malerifcßen ein fo vollfaftiger Veronefe, wie es deren nur wenige gibt.

Biermann.

427
loading ...