Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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befteßende Sammlung von Paftellen, die von allen [ie beficljtigenden Kennern zu den
ausgezeichneteren Leitungen auf diefem Gebiet gerechnet wurden, dem Kupferfticß-
kabinett einzuverleiben. Leider find diefe Bilder faft alle auf fpäteren Auktionen bei
Lepke verfteigert worden; fie find heute verftreut und haben nicht entfprecßend dem
Klunfcße der Nachkommen einen Eßrenplatj im Mufeum gefunden.

3 u einem Gemälde von Dahl

Von P. F. SCHMIDT

Mit einer Tafel

ins der beften und charaktervollen Bilder Joß. Chriftian Clauffen Dahls ift zur


3eit in der Galerie Arnold zu Dresden ausgeftellt: eine glückliche Erwerbung aus

J—A Berliner Privatbefits, in dem es [ich frifch und unberührt, wie aus der Hand des
Malers gekommen, erhalten hat. Es ift ein Motiv aus Norwegen: ein Gebirgsftrom
von kräftiger Fülle raufcht auf uns zu, einen GCIafferfall von blendendem Kleiß in Mitte
des Gemäldes bildend. 3U beiden Seiten rahmt dunkler Nadelwald kontraftierend die
bewegte Helle des Kläffers; im Hintergrund erheben fiel) die das Cal eng umfließenden
Bergwände, und ein graulicher Klolkenßimmel drängt fiel) nach oben verbreitert in die
Lücke der dunklen Flächen, ähnlich, wie die Gewäffer fiel) dem unteren Rande zu ver-
breitern. Im Kreuzungspunkt der Diagonalen findet fich der Klafferfall, als ßellfte Stelle.
Dergeftalt zeigt fich das Bild als eine fehr klar und ftraff aufgebaute Komposition:
durch Diagonalen in vier Dreiecke zerlegt, zwei feitliche, die Berg und Klald, und
zwei fenkrecht übereinandergelagerte, die Kläffer und Luft darftellen. Auch das Format
(65X72 cm) weift auf repräfentativere Abficht: das Bild ift keine Naturftudie, fondern
eine im Atelier entftandene Kompofition, die fich wohl an lebendige Natureindrücke
anlehnt, fie aber felbftändig im Sinne bildhafter Gefcßloffenßeit verwertet.
Doch deutet die eindringliche und forgfältige Detaillierung auf eine viel wefentlicßere
Eigenfchaft in der Kunft Dahls, auf feine bahnbrechende Rolle als Naturalift von 1820.
Die Präzifion, mit der bewegte und fchäumende Klafferfläche, Baumftämme, Laubarten,
Felsblöcke, Klolken und Berghang dargeftellt und in ihrem Stofflichen, im Material-
charakter unterfchieden find, zeigt uns den fchärfften Beobachter, den kühnen Genoffen
Conftables, den Vorläufer Blecßens und Menzels. Hierin liegt die befondere Intenfität
und Frifche des Bildes, das Augenblickshafte, das den Maler — trotj der fdßarfen Pla-
ftizität der Gegenftände und einiger Flüchtigkeiten im Vordergrund der Klafferfläche —
beinahe als Verkünder des Impreffionismus erfeßeinen läßt.
Ein folcßer war Daßl allerdings: in feinen kleinen Studien. Hier gab er nicht Pla-
ftizität, fondern malerifche Löfung, atmofphärifche Kleicßßeit, Spiel des Lichts und der
Dunkelheit um verfchwimmende Landfchaftsformen und weite KJolkenhimmel. In feinen
ausgeführten Kompofitionen, die man fich nicht vor der Natur gemalt denken darf,
blieb er bei der Beftimmtheit der Detaillierung und dem fchwermütigen Pathos feines
großen Vorbildes Everdingen.
Der 3wiefpalt, der fein ganzes Leben durchzieht; die 3weißeit der weichmalerifchen
Studie und die harte Nüchternheit der großen Landfcßaftsbilder — löft fich faft reftlos
zur Einheit in der feßönen Luftigkeit diefes Klafferfallbildes. Das gedämpfte üageslicßt,
im Klafferfall grell reflektiert, der grüngrauliche Grundton, der bisweilen leicht ins Röt-
liche und Violette fpielt, ßnd Merkmale feines malerifchen Empfindens, das er in feine
beften Kompofitionen hineingerettet hat.
Das Bild ift 1831 gemalt, nach feiner erften Reife in die norwegifeße Heimat von
Dresden aus, und reflektiert den Eindruck, den er dort von der herben Natur neu be-
kommen hatte. Die Erinnerungen an Everdingen und die Alpen find von der Größe
der Heimatnatur aufgefogen: es ift ein Bild von reinfter nordifeßer Stimmung, groß
und herb, luftig und feft gebaut, wie nur die glücklichen Klerke feiner beften Jahre find.

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