Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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gefehen. Ähnlich erfdpoß pd) aucb die fdpanke, fchmalgliedrigere Madonna Sdßramms
fd)on klarer und blickte fefter dem Befcpauer ins Gefiept. Ipr aber fehlt die weiche
Fülle des Körperlichen, vor allem in Gefickt und fänden, die der Blaubeurer immer
hat. Der Ravensburger freut [ich noch — fpätgotifcher — am Schmalen und Ge-
fpitjten, etwa an [teilen Schultern oder an des Mantelfaumes zierlichen Kurven um die
feinen Fjände. Man Jleht den Gegenfatj der beiden Meifter fchon in einem Detail wie
der Bildung des FJalsanfatjes, der beim Blaubeurer breit und rundlich kreifend ift, bei
Schramm dagegen fpitj und mit den Nickermuskeln fteigend. Bei ihm ift auch das
Antlitj enger, jüngferlicher1, die Rahmung durch die Fjaare gewellter, Stirne und Oval
des Kopfes minder füllig enthüllend, vor allem ift es ftrenger in der Körperacpfe auf-
gerichtet, wogegen beim Blaubeurer feine milde Neigung das Seelifche der Figur als fo
frei und unbedingt erfcheinen läßt, wie man es bisher nicht kannte. Faft renaiffancehaft
ift die geiftige Fjaltung diefer Madonnen fchon, und auch die LLIeißenauer gibt pcp, ob-
gleich wohl noch in den 80 er Jahren entftanden, ganz als ein (LIerk der Künftlergene-
ration von 1500, deren Gefühl der Rezeption italienifcher Formen innerlich fo fehr ent-
gegenkam. Sind auch noch einzelne Falten überall fcharfftäbig und auf das Spitj-Ge-
brochene i)'m gefehen, die breite Lebendigkeit der Gefamtpgur, die klare Bewußtheit
ihres individuellen Charakters fteht durchaus auf dem Boden der neuen Änfchauung,
die in Dürer gipfelt. So ift der Blaubeurer Meifter ein Kleggenoffe des großen nieder-
fchwäbifchen Bildners Fjans Segfer von ßeilbronn, der vielleicht der ftärkfte Cräger
einer auf deutfchem Boden felbft gewachfenen Renaiffanceemppndung ift.

Runge und die Gegenwart

Von PAUL FERDINAND SCHMIDT
Mit sechs Abbildungen auf drei Tafeln

Das Geheimnisvolle des Genies webt um die Erfdjeinungen unferer Romantiker.
Sie durften tiefere Blicke in den 3ufammenhang der Dinge tun, als den Dichtern
des voraufgegangenen Jahrhunderts vergönnt gewefen war. Stärker, bewußter
und mit nachdrücklicherem Erfolg auch als den Jünglingen aus Sturm und Drang geriet
ihre Seibftbefinnung auf die eigenfte Aufgabe des deutfdjen Geiftes: die Liefe der (Heit
in poetifchem Überfchwung zu verfugen; fleh Gott zu nähern nicht durch den ftraf-
baren Fjochmut der Vernunft, fondern durch das Erlebnis des FJerzens. LLIas Novalis
und ßölderlin uns in vifionärem Schauen vermittelt haben, ift von folchem Reichtum
intuitiver Erkenntnis und did)teri[cher Fülle, daß es erft heute in unfer Bewußtfein
wahrhaft einzutreten, kritifd) eingeatmet zu werden beginnt, Lind fo geht es auch mit
dem Dritten der großen romantifchen Scpöpferfeelen, deren (Dirken und LLIerk ein Jahr-
hundert lang unter dem Staub des Vergeffen- und Verkanntfeins begraben lag, und die
erft eine innerlich verwandte 3eit pd) zu eigen machen konnte: mit Philipp Otto Runge.
Denn als Licptwark fein (LIerk entdeckt und mit unermüdlichem Sammlerfleiße der
Hamburger Kunfthalle einverleibt hatte — wo es heute beinahe reftlos verfammelt ift,
das ftärkfte und gefcploffenfte Oeuvre eines Deutfchen, das je an einem Orte bei-
fammen war — da fehlte viel daran, daß man fein (Liefen erkannt, feine Romantik
empfunden hätte. Es fchmälert nicht das feltene und ftets mit Dankbarkeit zu nennende
Verdienft Lichtwarks, daß er Runge als einen Propheten des Impreffionismus anfprad)
und an dem Kern feiner Probleme vorbeiredete: denn feine Kraft lag ja nicht auf er-
kenntniskritifepem, fondern auf den glücklichen (Liegen des Entdeckers und fepöpfe-
rifchen Sammlers. Selbft ein fo klarblickender Geift wie Andreas Aubert gelangte nicht
über diefes zeitgebundene Vorurteil hinweg, das Runges LLIirken auf die Cendenzen
der eigenen 3ßit bezog. Es ift natürlich jeder Epoche erlaubt und eigentümlich, be-
1 Vgl. aud) die fd)öne hl- Magdalena in Füramoos (0. Ä. Biberacp), die wotd von Sdbramm
fein dürfte.
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